Mit einem Gefühl, dass ihm die Dinge entgleiten, wacht Mensun Bound am frühen Morgen des 5. März 2022 auf. Er weiß, es bleibt fast keine Zeit mehr, um diese Expedition erfolgreich abzuschließen. Allein bei dem Gedanken, wie viele Millionen Euro diese Suche am Ende verschlungen haben dürfte, scheinen sich in seinem Inneren die Eingeweide zu verknoten. Er schält sich aus seiner Koje, schaut frustriert zum Fenster hinaus und blickt über den Bug des Eisbrechers auf die riesige Scholle, in der sich das Expeditionsschiff seit Tagen befindet.
In anderthalb Kilometer Entfernung sieht Mensun Bound auf Steuerbord einen Eisberg; es ist kein besonders hoher, aber er lässt ihn an Shackleton und seine Männer denken. Die Abenteurer hatten hier im Weddellmeer vor gut 100 Jahren noch ganz andere, gewaltigere Eisberge gesehen. Einer hatte wie ein Kirchturm, ein anderer mit seinen hohen eisigen Wehrtürmen wie eine Burg gewirkt.
Gerade einmal drei Tage bleiben Bounds Suchexpedition noch, um das Wrack des Polarforschers Ernest Shackleton zu finden. Irgendwo ganz in der Nähe müsste die legendäre „Endurance“ auf dem Meeresboden liegen, in gut 3000 Meter Tiefe – falls sie nicht zerbrochen, von Parasiten zerfressen oder auf andere Weise zerfallen ist.
Drei Tage, das ist so wenig Zeit, dass Forschungsleiter Bound an diesem Morgen zu der Überzeugung gelangt, dass er mit seiner Suche gescheitert ist. Spätestens am 9. März müssen sie das Weddellmeer wieder verlassen, damit der Eisbrecher einer anderen Expedition übergeben werden kann. Bound, 69 Jahre alt, hat in seiner Karriere als Unterwasserarchäologe spektakuläre Erfolge gefeiert, aber dieses Mal hatte er offenbar kein Glück. Dabei ist es bereits seine zweite Suche nach der „Endurance“.
Während ein Tauchroboter weiter den Meeresboden nach Auffälligkeiten absucht und alle Daten direkt an ein Team auf dem Eisbrecher sendet, beschließt Mensun Bound, jetzt Abschied zu nehmen: von den antarktischen Gefilden und seinem Traum, die „Endurance“ zu finden. Und so macht er sich zusammen mit dem Expeditionsleiter John Shears zu einem Spaziergang über die meterdicke Eisscholle auf. Sie verlassen den Eisbrecher, wandern umher, beobachten Pinguine und atmen die Kälte ein, bis der Kollege plötzlich stehen bleibt und mit frappierend fester Stimme sagt, das Wrack befinde sich unter ihm, direkt unter seinen Füßen, wortwörtlich.
Bound staunt über solch trotzigen Optimismus. Dabei könnte der Kollege sogar recht haben. Den Notizen des einstigen Kapitäns Frank Worsley zufolge ist die „Endurance“ auf den Koordinaten 68° 39' 30" Süd, 52° 26' 30" West untergegangen – ziemlich genau dort, wo sich ihre Suchexpedition gerade aufhält.
Seit mehr als 100 Jahren weilt die „Endurance“ auf dem Grund des Weddellmeers, einem der unzugänglichsten, fast unberührten Gewässer des Planeten – oder in den Worten von Ernest Shackleton: „der schlimmsten Region des schlimmsten Meers auf Erden“. Ihr Untergang markierte das Ende eines Vorhabens, das am 8. August 1914 begonnen hatte. An jenem Tag war Shackleton mit dem Schiff, drei Rettungsbooten, gut zwei Dutzend Männern, rund 70 Hunden und einer Katze von Plymouth aus zur Antarktis aufgebrochen. Der charismatische 40-Jährige, der schon zweimal versucht hatte, zum Südpol vorzustoßen, wollte nun mit einer Handvoll Männer eines der letzten gewaltigen Abenteuer im ausgehenden Zeitalter der Entdeckungen unternehmen: die erste Durchquerung des weithin unbekannten Kontinents. Es sollte ein rund 2900 Kilometer langer Marsch durch das ewige Eis werden.
Doch seine „Imperial Trans-Antarctic Expedition“ erreichte den Eiskontinent nie. Sein Schiff blieb wenige Seemeilen vor der Antarktis im Packeis stecken und wurde daraufhin zehn Monate lang von einer sich im Uhrzeigersinn drehenden Drift fortgeschleppt und dabei immer mehr von Eismassen eingeschlossen. Die „Endurance“ musste schließlich aufgegeben werden und sank endgültig am 21. November 1915. Shackleton und seine Crew schauten von einer riesigen Eisscholle aus zu.
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Autor Dirk Liesemer, Jahrgang 1977, kann Mensun Bounds Bestseller „The Ship Beneath The Ice“ empfehlen. Im Gespräch mit dem Autor verriet der Archäologe, welches Wrack er als nächstes finden wolle: das 1914 vor den Falklands versenkte deutsche Kriegsschiff „Gneisenau“.
Vita | Autor Dirk Liesemer, Jahrgang 1977, kann Mensun Bounds Bestseller „The Ship Beneath The Ice“ empfehlen. Im Gespräch mit dem Autor verriet der Archäologe, welches Wrack er als nächstes finden wolle: das 1914 vor den Falklands versenkte deutsche Kriegsschiff „Gneisenau“. |
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Person | Von Dirk Liesemer |
Vita | Autor Dirk Liesemer, Jahrgang 1977, kann Mensun Bounds Bestseller „The Ship Beneath The Ice“ empfehlen. Im Gespräch mit dem Autor verriet der Archäologe, welches Wrack er als nächstes finden wolle: das 1914 vor den Falklands versenkte deutsche Kriegsschiff „Gneisenau“. |
Person | Von Dirk Liesemer |