Lieferbar

mare No. 169

Erscheinungsdatum: 03.04.25
ISBN: 978-3-86648-458-0
Jetzt mare abonnieren
13,50 €
Lieferbar
Verfügbarkeit: Auf Lager
mare badge

Produktdetails

Liebe Leserin, lieber Leser,
bei jeder Fahrt blickte ich bang nach oben. Seit ich ein kleiner Junge war, fuhr ich Hunderte Mal auf der kleinen Bergstraße durch das Dorf Brienz im schweizerischen Kanton Graubünden. Und immer betrachtete ich besorgt den hausgroßen Felsen, der direkt an der Fahrbahn lag und sich mit Tausenden von Tonnen weiterer Steine einst hoch oben im Berg gelöst hatte. Eine gewaltige Geröllhalde, die nur wenige Meter vor dem Ortseingang endete. Dieser Schutt­­strom stammte von einem Bergrutsch gegen Ende des 19. Jahrhunderts und wurde durch massive Abholzungen verur­sacht. Meine Jahrzehnte dauernden Befürchtungen bestätigten sich 2023, als mitten in einer Augustnacht 1,2 Millionen Kubikmeter Gestein donnernd ins Tal stürzten und die Straße wohl für immer unter sich begruben. Dass niemand zu Schaden kam, verdankten die Bewohner einem geologischen Frühwarn­system, aufgrund dessen nicht nur die Straße gesperrt, sondern auch das Dorf vorsorglich ein paar Wochen zuvor evakuiert wurde. Ich wuchs mit physischen Schutzmaßnahmen auf, die Lawinen aus Schnee oder Geröll aufhalten sollten, und war vor allem immer beruhigt, dass über unserem Haus ein dichter Wald stand, die beste Versicherung gegen den Tod vom Berg.

In Japan droht die Gefahr nicht von oben, sondern von See. Die allgegenwärtigen Erdbeben lösten immer wieder auch Seebeben vor den Küsten aus, mit riesigen Wellen als Folge, den Tsunamis. Das To–hoku-Erdbeben 2011 führte zu einem Tsunami mit annähernd 20 000 Todesopfern im Nordosten Japans. Die meisten gebauten Schutzwälle erwiesen sich als zu klein. In der Folge baute die japanische Regierung in den letzten Jahren eine viele Hundert Kilometer lange und bis zu 14 Meter hohe Schutzmauer. Unser Wissenschaftsredakteur Jan Keith hat japanische Wurzeln, und die Sorgen seiner Kindheit galten immer wieder, wenn er seine Großeltern in Japan besuchte, den unzähligen Erdbeben und der Angst vor folgenden Riesenwellen. Für diese Ausgabe reiste Keith gemeinsam mit dem Fotografen Kosuke Okahara entlang der neuen Flutmauer und sprach mit den Anwohnern, die dahinter leben (ab Seite 66).

Die modernen Schutzmaßnahmen in den Alpen und in Japan beruhigen sicherlich etwas. An der japanischen Küste jedoch leben die Bewohner nicht nur mit ihren Ängsten – auch mit einer Mauer, die sie zwar zukünftig schützen soll, aber ihnen zugleich auch die freie Sicht und den freien Zugang zum Meer verwehrt.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen
Nikolaus Gelpke

Der mare-Report

In trügerischem Licht

In trügerischem Licht

Die Lagune von Venedig: ein Ort voller Historie und Legenden, ein Touristenziel erster Güte von stiller Schönheit – und zugleich Opfer von schamloser Ausbeutung und politischer Ranküne

Politik

Das Mirakel von Delft

Das Mirakel von Delft

Hugo Grotius war ein Wunderkind und schon als Teen­ager politischer Berater seiner Herren. Er prägte wie wenige das 17. Jahr- hundert. Heute gilt er als Großvater des Völkerrechts der Meere

Die Fallenden von Acapulco

Die Fallenden von Acapulco

In den legendären Klippenspringern spiegelt sich die Geschichte Acapulcos – vom Aufstieg zu Mexikos tropischem Sehnsuchtsort bis zum Absturz in die heutige Hölle der Drogenkartelle

Essay

Braunschweig liegt am Meer

Braunschweig liegt am Meer

Der kollektive Traum vom Leben am Meer kann auch weit entfernt von den Küsten gelebt werden. Unserer Fantasie sei Dank

Leben

Zweiundsiebzig Stunden im Eis

Zweiundsiebzig Stunden im Eis

2022 gelang dem Meeresarchäologen Mensun Bound eine Sensa­tion: Er fand das Wrack der „Endurance“, Ernest Shackletons legendäres Expeditionsschiff, auf dem Grund der Weddellsee

Kombüse

Der Schneidemeister

Der Schneidemeister

Ein innovativer australischer Fischkoch schneidet Fisch so, wie ein versierter Fleischer seine Steaks schneidet: als Rib-Eye Cut

Wissenschaft

Getrennt vom Meer

Getrennt vom Meer

Bei der größten Tsunamikatastrophe der Geschichte Japans ­wurden 2011 Hunderte Quadratkilometer überflutet, fast 20 000 Menschen starben, viele weitere sind bis heute vermisst. Die ­Regierung beschloss darauf, eine einzigartige Schutzmauer zu bauen

Kultur

Verloren in der Kälte

Verloren in der Kälte

In den frühen 1920er-Jahren begleitet die Inuitfrau Ada Blackjack eine Arktis­expe­di­tion von vier Männern. Als Einzige überlebt sie ein forscherisches wie menschliches Desaster

Bänke für die Toten

Bänke für die Toten

Eine Erzählung von der Insel Juist

Wirtschaft

Schatz in der Schale

Schatz in der Schale

Sterneköche aus aller Welt fahren zu Sylvain Huchette in die ­Bre­tagne, um sich bei ihm mit Abalonen einzudecken. Er züchtet auf nachhaltige Weise die delikaten Meeresschnecken. Bis zu 80 Euro lassen sie sich ein Kilogramm des „Trüffels der Meere“ kosten

Ein fast vergessener Freund

Ein fast vergessener Freund

Als sich im Jahr 1621 die Pilgerväter der „Mayflower“ an Neuenglands Küste von Indigenen bedroht fühlen, half ein Ureinwohner den Neuankömmlingen. Er sprach zu ihnen in fließendem Englisch. Wer war dieser Tisquantum?

Suchmaschine unterstützt von ElasticSuite