Liebe Leserin, lieber Leser,
bei jeder Fahrt blickte ich bang nach oben. Seit ich ein kleiner Junge war, fuhr ich Hunderte Mal auf der kleinen Bergstraße durch das Dorf Brienz im schweizerischen Kanton Graubünden. Und immer betrachtete ich besorgt den hausgroßen Felsen, der direkt an der Fahrbahn lag und sich mit Tausenden von Tonnen weiterer Steine einst hoch oben im Berg gelöst hatte. Eine gewaltige Geröllhalde, die nur wenige Meter vor dem Ortseingang endete. Dieser Schuttstrom stammte von einem Bergrutsch gegen Ende des 19. Jahrhunderts und wurde durch massive Abholzungen verursacht. Meine Jahrzehnte dauernden Befürchtungen bestätigten sich 2023, als mitten in einer Augustnacht 1,2 Millionen Kubikmeter Gestein donnernd ins Tal stürzten und die Straße wohl für immer unter sich begruben. Dass niemand zu Schaden kam, verdankten die Bewohner einem geologischen Frühwarnsystem, aufgrund dessen nicht nur die Straße gesperrt, sondern auch das Dorf vorsorglich ein paar Wochen zuvor evakuiert wurde. Ich wuchs mit physischen Schutzmaßnahmen auf, die Lawinen aus Schnee oder Geröll aufhalten sollten, und war vor allem immer beruhigt, dass über unserem Haus ein dichter Wald stand, die beste Versicherung gegen den Tod vom Berg.
In Japan droht die Gefahr nicht von oben, sondern von See. Die allgegenwärtigen Erdbeben lösten immer wieder auch Seebeben vor den Küsten aus, mit riesigen Wellen als Folge, den Tsunamis. Das To–hoku-Erdbeben 2011 führte zu einem Tsunami mit annähernd 20 000 Todesopfern im Nordosten Japans. Die meisten gebauten Schutzwälle erwiesen sich als zu klein. In der Folge baute die japanische Regierung in den letzten Jahren eine viele Hundert Kilometer lange und bis zu 14 Meter hohe Schutzmauer. Unser Wissenschaftsredakteur Jan Keith hat japanische Wurzeln, und die Sorgen seiner Kindheit galten immer wieder, wenn er seine Großeltern in Japan besuchte, den unzähligen Erdbeben und der Angst vor folgenden Riesenwellen. Für diese Ausgabe reiste Keith gemeinsam mit dem Fotografen Kosuke Okahara entlang der neuen Flutmauer und sprach mit den Anwohnern, die dahinter leben (ab Seite 66).
Die modernen Schutzmaßnahmen in den Alpen und in Japan beruhigen sicherlich etwas. An der japanischen Küste jedoch leben die Bewohner nicht nur mit ihren Ängsten – auch mit einer Mauer, die sie zwar zukünftig schützen soll, aber ihnen zugleich auch die freie Sicht und den freien Zugang zum Meer verwehrt.
Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen
Nikolaus Gelpke
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