Als ich in die dritte Klasse ging, war es für mich ganz normal, dass jeden Abend vor dem Schlafengehen die Welt unterging. Zumindest in meiner Fantasie. Meine Mutter hatte mir ein illustriertes Kinderbuch geschenkt, groß wie ein Atlas, mit japanischem Text und realistischen Zeichnungen, die den Ernstfall zeigten – ein daijishin in Tokyo. Dai bedeutet im Japanischen „groß“, jishin heißt „Erdbeben“.
Bild für Bild zeigte das Buch den Verlauf der Katastrophe. Erst die Unruhe der Tiere, die ein Beben viel früher spüren als wir. Dann die Erschütterung, die Häuser in sich zusammenstürzen, Züge entgleisen und Gasleitungen explodieren lässt. Schließlich türmte sich auf einer der letzten Seiten ein gewaltiger Tsunami auf. In meiner kindlichen Erinnerung war er so hoch wie Tokyos Wolkenkratzer und walzte alles nieder, was noch übrig war. Als Tokyo endgültig in Schutt und Asche lag, knipste ich meine Nachttischlampe aus und schlief rasch ein. So ging das Abend für Abend. Es war ein bisschen wie bei „Täglich grüßt das Murmeltier“, nur freiwillig.
Wieso aber war ich, ein halb japanischer Junge, der im erdbebenarmen Deutschland aufwuchs, so fasziniert von dieser Katastrophenszenerie? Vermutlich, weil ich in den Sommerferien kurz zuvor dieses Erlebnis hatte. Wir waren bei Oma und Opa in Tokyo zu Besuch, als die Erde auf einmal anfing zu wackeln. Bestimmt 15 Sekunden lang schwankte das altersschwache Haus meiner Großeltern bedrohlich hin und her. Das Wasser in der Spüle schwappte über, Gläser fielen um, die Kommode im Flur drohte umzukippen. Mein Herz schlug wie wild. War das jetzt das Ende der Welt, des Lebens?
War es nicht. Aber es war der Beginn einer seltsamen Faszination für den daisaigai – so nennen sie in Japan jenen hypothetischen Tag X, an dem Tokyo, oder eine andere Stadt, vom schlimmsten anzunehmenden Erdbeben heimgesucht wird, so wie in meinem Buch dargestellt.
Die Angst vor Tag X reiste von nun an immer mit, wenn wir meine japanischen Großeltern besuchten. Bellte auf Tokyos Straßen ein Hund ohne erkennbaren Grund oder ruckelte die U-Bahn stärker als sonst, zuckte ich zusammen.
Aber Tag X kam nicht. All die Jahre nicht. Wann immer ich nach Japan reiste, blieb es ruhig. Hier und da ein kleiner Erdstoß, ja – einer von gut 1500, die dort jedes Jahr spürbar sind. Mit der Zeit, ich wurde erwachsen und gelassener, begann ich, Tag X zu verdrängen. Ich schickte ihn zurück ins Reich meiner Fantasie. Vielleicht würde er nie stattfinden? Zumindest nicht zu meinen Lebzeiten? Was für ein Irrtum.
Am 11. März 2011 kam Tag X mit voller Wucht. Um 14.46 Uhr Ortszeit bebte die Erde mit einer Stärke von 9,0 auf der Momenten-Magnituden-Skala und löste einen gigantischen, zwischen zehn und 14 Meter hohen Tsunami an der Nordostküste der Hauptinsel Honshu aus. Die Wassermassen rissen fast 20 000 Menschen in den Tod. Ganze Dörfer wurden weggespült. Im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi kam es zum nuklearen Super-GAU. Es war die totale Apokalypse.
Als die ersten Bilder aus Japan im deutschen Fernsehen liefen, saß ich in einem Berliner Hotel beim Frühstück und konnte nicht glauben, was ich sah. Als habe jemand mein Kinderbuch von damals verfilmt. Immer und immer wieder liefen in den Nachrichten die Bilder von Autos, Häusern und Schiffen, die vom Tsunami wie Spielzeug fortgerissen werden.
Doch was danach folgte, machte mich mindestens genauso sprachlos. Als Reaktion auf das Trauma entschied sich Japan für eine drastische Maßnahme: Es baute eine gewaltige Betonmauer zum Schutz vor den Riesenwellen. Eine Tsunamimauer, wie sie die Welt noch nie zuvor gesehen hat. Bis zu 14 Meter hoch, erstreckt sie sich 400 Kilometer entlang der Küste, wo sich 2011 die Katastrophe ereignete.
Ein Plebiszit gab es nicht, die Behörden haben den Bau einfach verfügt. Als ich davon hörte, fragte ich mich: Kann man das Meer mit Beton bändigen? Und ist es nicht anmaßend, den Menschen einfach eine Mauer hinzustellen?
Mauern haben in der Geschichte selten das gebracht, was sie versprachen. Die Chinesische Mauer hielt die Mongolen nicht auf. Die Berliner Mauer fiel 1989 unter dem Druck der DDR-Bürger. Und die Mauer um Konstantinopel wurde von den Osmanen durchbrochen. Nun wagt Japan also einen erneuten Versuch. Die neue Tsunamimauer soll Leben retten. Sie soll schützen. Doch zu welchem Preis?
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Jan Keith, Jahrgang 1971, mare-Redakteur, war beeindruckt vom Tempo des Wiederaufbaus.
Kosuke Okahara, geboren 1980, Fotograf in Tokyo, hielt Japan für eines der sichersten Länder der Welt – bis der Tsunami diese Illusion zerstörte.
Vita | Jan Keith, Jahrgang 1971, mare-Redakteur, war beeindruckt vom Tempo des Wiederaufbaus. Kosuke Okahara, geboren 1980, Fotograf in Tokyo, hielt Japan für eines der sichersten Länder der Welt – bis der Tsunami diese Illusion zerstörte. |
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Person | Von Jan Keith, Kosuke Okahara |
Vita | Jan Keith, Jahrgang 1971, mare-Redakteur, war beeindruckt vom Tempo des Wiederaufbaus. Kosuke Okahara, geboren 1980, Fotograf in Tokyo, hielt Japan für eines der sichersten Länder der Welt – bis der Tsunami diese Illusion zerstörte. |
Person | Von Jan Keith, Kosuke Okahara |