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Kaiser Wilhelm II. ist zu dieser Zeit beim Volk längst unter dem Spitznamen „der Reisekaiser" bekannt. Viele Monate im Jahr ist er außerhalb seines Reiches unterwegs. Neben Griechenland und dem Orient hat es ihm Norwegen mit seinen schroffen, überwältigenden Landschaften angetan. Schon heißt es in Deutschland, wer den Kaiser sehen wolle, müsse nach Norwegen reisen.
In diesem Land vereinen sich für den Monarchen gleich zwei Leidenschaften. Erstens liebt er alles Maritime; die beste Art, das vielerorts unzugängliche Norwegen zu bereisen, ist das Schiff. Zweitens schwärmt er für nordische Mythen; er geht dabei so weit, sich als legitimen Nachfahren der Wikinger darzustellen.
Er komme in sein „urangestammtes Land", so formuliert er es einmal, denn der Norden sei die „Wiege der Germanen". Sich selbst sieht er als Führer der germanischen Welt. Bei einer Tischrede in Christiania, dem späteren Oslo, sagt er im Juli 1890: „Es zieht mich mit magischen Fäden zu diesem Volke. Es ist das Volk, welches sich in stetem Kampfe mit den Elementen aus eigener Kraft durchgearbeitet hat, das Volk, welches in seinen Sagen und seiner Götterlehre stets die schönsten Tugenden, die Mannentreue und Königstreue, zum Ausdruck gebracht hat."
Die Schwärmerei des Kaisers für nordische Mythen entspricht einer breiten Mode. Der Germanenkult und das damit verbundene völkisch-nationalistische Gedankengut finden Ende des 19. Jahrhunderts im Reich immer mehr Zuspruch. Vor allem Großkomponist Richard Wagner und seine Frau Cosima sind es, die den Mythos des Nordens fördern. Ihr Bayreuther Zirkel, in dem auch Wilhelm verkehrt, ist die Brutstätte eines nordisch-mystischen Rassismus und Antisemitismus.
Wilhelm ist fasziniert von der Idee der „Reinheit der arischen Rasse", liest Bücher, die den Sozialdarwinismus propagieren, und hält Tiraden über das „Panjudentum". Seine völkische Obsession will er in eine eigenständige Außenpolitik umsetzen. Ge- genüber dem schwedischen Königshaus spricht er von einem „Bund germanischer Völker" als Bollwerk gegen die „slavisch-czechische Invasion". Später, im Dritten Reich, avanciert Wilhelm zu einem publikumswirksamen Werbeträger. Die NS-Freizeitorganisation „Kraft durch Freude" etwa bewirbt ihre Norwegenkreuzfahrten mit dem Motto „Nun sind wir alle Kaiser" - eine Anspielung auf dessen berühmte Norwegenreisen.
Textauszug. Den gesamten Beitrag lesen Sie in mare No. 95.