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Vor gut einem Jahr reiste er mit den Gestellen zur Arktisinsel Spitzbergen, zur internationalen Forschungsstation in Ny-Ålesund, der nördlichsten ganzjährig bewohnten Siedlung der Welt, gerade einmal 1200 Kilometer vom Nordpol entfernt. Selbst im Sommer ist es dort kalt. Nur für wenige Wochen gibt das Eis das Land um die Station frei. Das Wasser hat um die null Grad.
Die Forscher schleppten ihre Mesokosmen hinaus in den Fjord. Während des Transports waren die Schläuche gerafft. Erst auf dem Meer wurden sie aufgefaltet und in die Tiefe gezogen. Neun Mesokosmen dümpelten schließlich einige hundert Meter vom Ufer entfernt im Wasser, fremdartig wie abgestürzte Raumgefährte. „Wir haben die Mesokosmen mit Kohlendioxid beblubbert und in jedem Schlauch einen anderen pH-Wert eingestellt", einen anderen Säuregrad, sagt Riebesell. Damit nehmen die Forscher in ihren Mesokosmen die Zukunft vorweg, denn mit Simulationen hat man inzwischen ziemlich genau berechnet, wann verschiedene Meeresgebiete niedrige pH-Werte erreichen und gefährlich versauern werden. Fünf Wochen fuhren die Forscher täglich hinaus in den Fjord. Sie nahmen Proben, bestimmten Sauerstoffgehalt und Nährstoffwerte. Im Labor gaben sie das Wasser in Petrischalen, zählten am Mikroskop die Algen und untersuchten Zooplankter, Larven und Krebschen, auf krankhafte Veränderungen.
Die Ergebnisse sind ernüchternd. Ab einem bestimmten pH-Wert geht es den Lebewesen an den Kragen, vor allem den Pteropoden, den Flügelschnecken mit ihren dünnen, zerbrechlichen Gehäusen. Die unscheinbaren Tierchen, die wie kleine Erbsen mit zarten Schwingen im Wasser rudern, sind enorm wichtig. Fische und Wale verschlingen sie in rauen Mengen. Pteropoden gelten als ozeanische Knabberei.
Fatalerweise bauen sie ihr zartes Gehäuse aus Aragonit, einer bestimmten Kalkart, die leicht von gesäuertem Meerwasser angegriffen wird. Die Gehäuse lösen sich auf, die Mikroelfen gehen ein. So wie der Eisbär zur schicksalhaften Ikone der Erderwärmung geworden ist, sind die sympathischen Pteropoden sym- bolisch für die Versauerung der Meere. Im Internet findet man bereits den traurig-schönen „Pteropod-Blues" samt Kinderchor.
Millionen Tonnen von zusätzlichem CO² machen aber nicht nur den Lebewesen zu schaffen. Sie bringen vor allem die Chemie des Meeres durcheinander. CO² führt nicht nur zu einer Versauerung. Es reagiert mit Wasser auch zu verschiedenen Ionen, geladenen Molekülen, genauer: zu Karbonat- und Bikarbonationen. Das Karbonat ist ein wichtiger Werkstoff für Pteropoden, Seeigel oder auch Muscheln, die es für den Haus- und Schalenbau benötigen. Im versauernden Meerwasser nimmt die Menge der Karbonationen ab. Den Meerestieren fehlt es an Substanz. Das weiß man schon lange. Doch Riebesell hat aus Spitzbergen neue Erkenntnisse mitgebracht: In den besonders stark beblubberten Mesokosmen entsteht weniger Dimethylsulfidgas als in normalem Meerwasser. Wer schon einmal durch den Tang am Ostseestrand gestapft ist, kennt den Mief dieser Substanz. Er entweicht, wenn sich tote Algen zersetzen. Noch können die Forscher nicht erklären, warum die Gasproduktion abnimmt. Doch ist das Ergebnis beängstigend.
Dimethylsulfid gehört zu den Regenmachern. Es steigt über den Ozeanen in die Atmosphäre und bildet dort Wolken, denn an den Molekülen kondensiert Wasserdampf. „Diese Wolken reflektieren Sonnenlicht und zum Teil auch Wärmestrahlung", erklärt Riebesell. „Steigt weniger Dimethylsulfid auf, könnte das die Wolkenbildung und die Rückstrahlung verändern." Auch hier sind die Folgen kaum abzuschätzen.
Die Ozeanversauerung selbst aber ist gewiss. Denn was hier abläuft, ist simple Chemie. Je mehr CO² in der Atmosphäre schwebt, desto mehr löst sich davon im Wasser. Die Veränderung des Klimas mit seinen vielen Variablen wie der Wasser- und Lufttemperatur, den Meeresströmungen oder Luftdrücken ist extrem schwer abzuschätzen. Die Ozeanversauerung aber ist eine einfache Gleichung. „Sie ist nicht einmal mehr in Australien umstritten, wo viele immer noch am Klimawandel zweifeln", sagt die Meeresbiologin Katharina Fabricius vom Australian Institute of Marine Science in Townsville.
Textauszug. Den gesamten Beitrag lesen Sie in mare No. 95.