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Das war auch der Grund, warum ich zu DDR-Zeiten kaum etwas über Königsberg erfuhr. Wenig über den Deutschen Orden und seine Burgen, die hier über Jahrhunderte aufragten; noch weniger über die Vertreibungen nach 1945. Einiges mehr zwar über Immanuel Kant, doch der lebte nicht in Königsberg, sondern, wie alle Philosophen vor Karl Marx, im Elfenbeinturm der Geschichte. Das meiste, was ich über Königsberg wusste, passte auf einen Teller, und es bestand aus Hackfleisch mit Kapern.
Nach der Wende standen plötzlich Schilder an der Rügener B96, die zur Fähre nach Kaliningrad wiesen. In dieses Land, das um die Ecke liegt und mir so nahe und gleichzeitig fremd war wie einst Westberlin. Zuerst stand allerdings „Baltijsk" auf diesen Schildern, das ist die Hafenstadt am südlichen Rand der Oblast. Als sie noch Pillau hieß, zogen von hier aus, im Winter '45, die Flüchtlingstrecks übers Eis der Ostsee nach Westen. Jahrelang fuhr ich daran vorbei, achtlos, denn es gab erst einmal exotischere Gegenden zu entdecken als Orte des verblichenen Bruderlands. Doch die Neugier wuchs, je öfter ich daran vorbeifuhr.
Baltijsk also sollte der Beginn der Reise werden. Ein Schild hatte es so bestimmt. Lerchen jagen übers Wasser, Falken stehen über Wipfeln, die Bäume wachsen im Rund, wie ein Ring von Freunden. Das Beerengesträuch wuchert überall, auch zwischen dem zerschossenen Beton des einstigen deutschen Fliegerstützpunkts. Hier ist das Ende des Frischen Haffs. Und der Anfang unserer Reise.
Vor uns liegt der Hafen von Baltijsk. Von hier aus wollen wir die Küste entlang, bis hoch fast nach Litauen. Hinter uns geht es über Sand und lichten Wald nach Polen. Doch dort sollten wir nicht lang, mahnt die alte Beerenfrau, Anastasja Fjedorowna. „Ihr braucht einen propusk, einen Passierschein."
Die Sache mit dem propusk erläutert uns wenig später Mara, die Polizistin. Wir sitzen im Café „Du und Ich" am Fähranleger in Baltijsk. Die Mamsell hinterm Tresen schenkte uns Kaffee ein. Sie wartete, bis wir uns gesetzt hatten, dann rief sie die Miliz.
Nun ist Mara gekommen, sie will den propusk sehen. Zum Glück haben wir den richtigen für diesen Ort. Unteroffizierin Mara trägt Tarnanzug, wie viele in Baltijsk, selbst die Mamsells in den Bars und Cafeterias tun das. Seltsamerweise tragen sie auch die gleichen Adidas- oder Nike-Schuhe, hergestellt allerdings von der chinesischen Firma Beliefe. Sicher hat der Zoll wieder ein Schiff der gefälschten Konterbande aufgebracht. Gerade rechtzeitig, bevor die Regale in den Läden leer waren. Auch die Patrouillen laufen in den Sporttretern.
Baltijsk ist ein Hafen voller schwimmenden Kriegsgeräts und noch immer unter einer Tarnkappe. Die Stadt war wichtigster Stützpunkt der Baltischen Rotbannerflotte. Hier lagen U-Boote mit Marschflugkörpern an Bord und 15 000-Tonnen-Kreuzer mit den größten Geschützen des Warschauer Paktes. Selbst Sowjetbürgern war der Zutritt verwehrt.
Die Abschirmung ist nicht mehr so streng wie zu Sowjetzeiten. Die Flotte, einst mächtiger als alle Marineverbände des Ostseeraums zusammen, ist kaum größer als die der baltischen Staaten. Dabei ist sie jetzt in allen Richtungen von Nato-Ländern umgeben.
Mara hat die propuski zu kontrollieren. Sie fängt die Umherstreunenden vor der Nehrung ab, das Café ist ihr Büro. Sie zeigt uns eine Handvoll Blätter, Dienstanweisungen, von Putin unterzeichnet. Fehlt ein Stempel, darf sie nur weitermelden, nicht verhaften. Mara packt ihre Pausenration aus, Weißbrot, Paprika, Speck und Konfekt.
Wir fragen nach den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Man schickt uns ins Haus der Kultur, zu den Toiletten. Sie sind neu, modern, extra für einen Besuch von Ministerpräsident Medwedew angefertigt. Eigentlich sollte nur der Männerbereich saniert werden, da aber hatten die Frauen auf- geschrien: „Und wenn er nun mit Gattin kommt?" Er kam dann doch ohne, aber die Klosetts sind wirklich sehenswert jetzt, und zwar die für Herren und für Damen.
Wir entfliehen Baltijsk in nordöstlicher Richtung, beklommen. Baltijsk ist wie das Symbol dieses Reiches: offiziell geöffnet zwar, zugänglich irgendwie, aber falls es darauf ankommt - die Waffen sind geölt. „Jederzeit kampfbereit!", es bedarf nur eines Befehls.
Ein Militärlaster macht es uns noch einmal klar. Er schubst uns fast in den Graben. Die Straßen sind eng, der Asphalt voller Löcher. Aber es sind Alleen, uraltes Katzenkopfpflaster selbst auf den Hauptstraßen. Die Eichen, Kastanien, Erlen greifen mit Ästen und Wurzeln nach den Vorbeifahrenden. Die meisten Bäume sind an die 100 Jahre alt. Sie heißen hier „die letzten Soldaten der Wehrmacht". Offenbar kämpfen sie noch: Viele haben Wunden, Abschürfungen, Holzbrüche. Das kommt von den Rasern.
Sssst, wieder einer. Wir schlagen uns lieber durchs Unterholz, gehen alte Forstwege. Die Luft wird frischer, reiner. Der Duft der Kiefern vermischt sich mit den Brisen des nahen Meeres. Die Luft wird luftiger, ja, wirklich.
Textauszug. Den gesamten Beitrag lesen Sie in mare No. 94.