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Die drei skandinavischen Länder sind ganz sicher durch diese Sehnsucht nach dem Sommer, dem Meer und der Freizeit gekennzeichnet. Sie ist aber auch offenbar in der Datschenkultur der Sowjetzeit in der DDR, in Polen und den baltischen Ländern. Wer heute durch polnische und baltische Städte an der Ostsee fährt, kann beobachten, dass auch in diesen Ländern die Wohlstandsgrenzen sich nach oben bewegen, dass auch in diesen Ländern der Zug zum Meer sich in der Zunahme von Marinas voller Segelboote zeigt.
Thomas Mann, um ein bezeichnendes deutsches Beispiel zu wählen, baute sich von seinem Nobelpreisgeld 1929 ein schmuckes Sommerhaus in Nidden auf der Kurischen Nehrung am Ostseestrand; dort fand er mit den gewaltigen Dünen die Vorbilder für die ägyptischen Wüsten, durch die sich Joseph und seine Brüder im Roman, den er dort in Teilen schrieb, bewegten.
Der „Sommergäste" entlang der Ostseeküsten waren viele: Gerhart Hauptmann nahm seinen künstlerischen Sommersitz auf Hiddensee bei Rügen; Carl Zuckmayer, Ernst Ludwig Kirchner, Gret Palucca, Heinz Rühmann urlaubten in Nidden; Edvard Munch malte zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Warnemünde, Alexej Jawlensky wählte Prerow, Lyonel Feininger zog es nach Usedom und Erich Heckel nach Stralsund, Lovis Corinth, Max Pechstein, Karl Schmidt-Rottluff und viele andere fuhren auf die Kurische Nehrung; Nidden wurde zum „Worpswede des Ostens"; rund um die ganze Ostsee entstanden solche Künstlerkolonien.
Schließlich ließ die Sehnsucht nach dem Meer eine Kultur der Badeorte und -anstalten entstehen, ebenso Kurkliniken und mondäne Hotels; eine Kleiderordnung gehörte selbstverständlich auch zu dieser Kultur. Spätestens ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts empfahlen ärztliche Ratgeber, die Großstadtluft gegen die Reinheit der Meeresluft einzutauschen. Eine weiße Bäderarchitektur entstand entlang der gesamten südlichen Ostseeküste, die von Glücksburg an der Flensburger Förde bis Haapsalu in Estland die Ästhetik der Seebäder vereinheitlichte.
Es stellte sich eine für den Norden spezifische kulturelle Aufladung ein, nach der zwischen Stadt- und Landleben, zwischen Sommer- und Winterleben unterschieden wird. Winterleben findet in den Bergen statt, Sommerleben am Meer und auf den Inseln; die Literatur, in der diese sommerliche Meererfahrung geschildert wird, ist unerschöpflich. Die Sehnsucht nach dem Meer wird ab dem 20. Jahrhundert auch eine Sehnsucht nach Kindheit und Jugend. An den Ostseestränden verbrachte Ferien sind ins Gedächtnis von Generationen eingebrannt, sie haben die Erinnerungen an Meer, Sommer und unbeschwerte Jugend geprägt. Eine Reise ans Meer ist daher auch eine Reise zurück in der Zeit.
Das Meer ist der symbolische - und manchmal tatsächliche - Ort der Freiheit. Für die jüdischen Flüchtlinge Dänemarks des Oktober 1943 war die illegale Fahrt bei Nacht und Nebel über den Öresund eine Reise vom Tod ins Leben. Von den Evakuierten aus Helsinki, die während des Krieges nach Schweden gebracht wurden, gibt es dankbare Schilderungen ihrer Rettung. Die Kurische Nehrung war während der Zeit des Nationalsozialismus Zuflucht für den Widerstand und die Flüchtlinge aus den Bombennächten. Die Liste jener, die in und um Nidden Zuflucht suchten - und nicht alle fanden sie dort -, ist eine Liste der Ehrenhaften, der Künstler, der Politiker, der Verfolgten.
Sehnsuchtsreisen in die erinnerte Jugend erfahren ihre traumatischen Applikationen bei der Generation der Vertriebenen, die sich nach der Implosion der Sowjetmacht wieder in die ehemals gesperrten Gebiete begeben können. Das betrifft nicht nur die Deutschen, die in Ostpreußen und auf der Kurischen Nehrung ihre Jugend wiederfinden, sondern betrifft auch Litauer, Letten und Esten in Bezug auf ihre nun wieder zugänglichen Küsten.
Auch aus zahllosen Berichten wissen wir, dass sich für die Menschen während der Sowjetzeit die Sehnsucht nach dem Meer mit der Sehnsucht nach Freiheit verband. Der Urlaub an der Ostsee, der Urlaub an der See gestatteten den Blick auf eine imaginierte, ferne Freiheit von der Küste der DDR aus, von Polen und den baltischen Ländern - und manche versuchten, manche schafften die Flucht. Die Regime haben daher kaum etwas intensiver betrieben als die militärische Absperrung der Küsten; sie wurden, wo die „westlichen" Nachbarn zu nahe lagen, zu no-go areas, in Estland etwa und an der deutsch-deutschen Grenze. Es gibt entlang der südlichen und östlichen Küsten der Ostsee aus diesen Gründen zahlreiche Orte, die mit ihren militärischen und ihren Sicherheitsanlagen als Erinnerungsstätten in ein Museum des Kalten Krieges eingehen sollten; und es gibt zahlreiche Opferorte entlang der Küsten, von denen die Flucht in die Freiheit nicht gelang. Die alte Seefahrerweisheit „Das Land trennt, das Meer eint" wird insofern von der Sehnsucht nach Freiheit eingefangen; das Meer steht für einen Ort der offenen Kommunikation.
Textauszug. Den gesamten Beitrag lesen Sie in mare No. 93.