Mallorca – Form vollendet

Die nördlichste Spitze Mallorcas ist eine der bezauberndsten Halbinseln im Mittelmeer. Die Geschichte der Erschließung von Cap Formentor, erzählt anhand von drei Gebäuden und drei Straßen.
Jun 2012, No. 92

Weltkarte

Heftinhalt mare No. 92

MALLORCA UND DIE DEUTSCHEN
Kellner, Zimmermädchen, Strandverkäufer sagen uns, wer wir sind.

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Greenpeace und die Kunst der Information.

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Chinas langer Marsch an die Küste.
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Wenn man am Ende anfangen möchte, steht da ein Leuchtturm. Wenn man ganz oben anfangen möchte, steht da ein Wachturm. Beginnt man allerdings ganz unten, erwartet einen ein Grandhotel am Strand. Verbunden sind die drei Bauten durch zwei Dutzend Straßenkilometer, die dazu beigetragen haben, dass dieses windumtoste Cap namens Formentor zu dem geworden ist, was es ist: ein touristisches Highlight. Doch, und das ist erstaunlich, alle drei Gebäude existierten schon, ehe die zu ihnen führenden Straßen gebaut worden waren.

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Nun muss man sich Mallorcas nördlichsten Zipfel vorstellen als atemberaubend schöne Landschaft, als eine 15 Kilometer lange Formation aus Felsen und Schluchten, Buchten und Klippen, pinienbewachsen oder karg fast wie in den Alpen über der Baumgrenze, mit famosen Blicken auf ein tiefblaues Meer und oft bis nach Menorca hinüber. Es ist eine Landschaft, die in einmaliger Synthese mit den von Menschenhand geschaffenen Elementen ist, wo sich Gebäude, Straßen, Mauern und Pfade in vollendeter Harmonie in das größere Ganze einfügen, als seien sie immer da gewesen.

Autorin Zora del Buono

Zora del Buono, Jahrgang 1962, als Schweizerin ans Kurvenfahren gewöhnt und als Architektin von Ingenieurskunst fasziniert, liebte das Cap. weitere Infos

Maurische Piraten, wehrhafte Insulaner, mehrere Leuchtturmwärterfamilien, ein argentinischer Exzentriker, ein visionärer einheimischer Ingenieur, unzählige Straßenbauer, Schmuggler und republikanische Zwangsarbeiter, ein namenloser faschistischer Soldat mit künstlerischem Talent und Generationen von Eseln - das ist das Personal, das diesen Landstrich im Lauf der Jahrhunderte formte und gestaltete, bevor jene auftauchten, die ihn heute verunstalten in ihrer schmerzenden Buntheit: wir, also Sie und ich, sprich, der gemeine Tourist.

Wenden wir uns aber wieder den drei Bauten zu, dem Leuchtturm, dem Wachturm, dem Hotel. Erzählt man die Geschichte nicht geografisch, sondern chronologisch, beginnt sie mit dem Ausguckturm, kreisrund und im Abendlicht gülden leuchtend, das Cap überragend und bewachend; Bergziegen klettern über Steinbrocken, stachelige Vegetation darum herum. Der Talaia d'Albercutx wurde zu einer Zeit errichtet, als die Überfälle der maurisch-türkischen Piraten für die Insulaner besonders verheerend waren, 1550 traf es den Ort Pollença arg, die Bevölkerung lebte in Furcht und Schrecken. Die Balearen sind überzogen mit solch trutzigen und nahezu öffnungslosen Türmen, auf denen ein Wachmann stand und bei Sichtung von Piratenschiffen die Küstenbewohner mittels Leuchtfeuern warnte; im Sommer vorwiegend, denn der Sommer war Segelzeit, Piratensaison.

Fotografin Heike Ollertz

Heike Ollertz, Jahrgang 1967, die berüchtigt ist für ihre furchtlose Kletterei, wenn es ein Bild erfordert. Am Cap konnte sie klettern nach Herzenslust. weitere Infos

Die Winde spielten am Cap Formentor immer eine große Rolle; einer brachte Regen, der andere wurde zur Gefahr für die Fischer, wieder ein anderer peitschte das Meer so auf, dass die Gischt bis über die Äcker sprühte und die wenigen Nutzpflanzen, die hier wuchsen, zerstörte. Acht verschiedene Winde gibt es, man nennt sie „Die vier großen Brüder und ihre vier Cousins", jeder trägt seinen eigenen Namen, Namen wie Tramuntana, Migjorn, Llebetx oder Xaloc. Die Piraten kannten die Winde so gut wie die Fischer; sie ankerten in einer schmalen Bucht auf der südlichen Seite des Caps, einer Bucht, die den Wind gewissermaßen in sich birgt, wo es immer Rückenwind gab im Fall einer notwendigen Flucht. Der Sieg der christlichen Mittelmeermächte über das Osmanische Reich in der Seeschlacht von Lepanto 1571 im fernen Ionischen Meer dämmte das räuberische Treiben ein, der Seehandel gewann an Aufschwung. Der Wachturm verlor seine Bedeutung, erst zur Zeit des Spanischen Bürgerkriegs wird er wieder in unser Blickfeld rücken. Vorerst aber interessiert uns der Leuchtturm, der so prominent an der Spitze des Cap Formentor thront, das Ziel jedes Reisenden.

Als die Bauarbeiten 1857 aufgenommen wurden, führte kein Weg zu diesem äußersten Ende, hier gab es nur rauen Fels und schwindelerregend hohe Klippen. Königin Isabella II. (1830-1904) war es, die den Leuchtturmbau in ganz Spanien forcierte. Auf Cap Formentor war auch der Bischof involviert, er erteilte eine Ausnahmegenehmigung, dass selbst an Sonntagen gearbeitet werden durfte, nach einer morgendlichen Messe allerdings, vor einem improvisierten Altar.

Als Erstes bauten die Männer einen Eselspfad, 17 Kilometer im Zickzack von der Cala Murta hoch, einer Bucht unweit der früheren Piratenankerstelle, er ist heute noch zu sehen. Auch in den Fels hinein wurde ein Weg geschlagen, eine Treppe eigentlich, 272 Stufen führen hinunter ans Meer, eine Bootsanlegestelle entstand. Die Steinquader, mit denen der Leuchtturm gebaut wurde, waren jedoch zu schwer, um sie auf diesem halsbrecherischen Pfad nach oben zu schleppen. War das Wetter gut, wurden die im Steinbruch von Sa Pobla geschlagenen und in Port de Pollença auf Boote verladenen Sandsteinblöcke auf dem Seeweg direkt unter die Klippe gebracht und dann an Seilen hochgezogen, mit einer von 40 Männern betriebenen Winde, 159 Meter hoch, Stein um Stein.

Drei Jahre dauerten die Arbeiten, drei Jahre, bis endlich eine Lampe mit Öl entzündet werden konnte. Erst funktionierte der Leuchtturm mit Olivenöl, das per Boot in die Cala Murta gebracht und von Eseln zum Turm geschleppt wurde. Später stellte man auf Paraffin um, dann auf Petroleum. Die Starklichtlampe dafür kam aus Berlin, die Firma Ehrich & Graetz vertrieb die Leuchten, man nannte sie Petromax, nach dem Inhaber Max Graetz. 1962 wurde der Leuchtturm elektrifiziert, zu einer Zeit, als die Straße bereits gebaut war, aber dazu kommen wir später noch.

Die Eselspfade begingen nicht nur die beiden Leuchtturmwärterfamilien, die im Zweiwochenturnus ihre Arbeit auf dem Turm verrichteten und für die deswegen zwei Wohnhäuser gebaut worden waren. Auch die Schmuggler nutzten sie. Tabak aus Nordafrika war ein Gut, das bis weit ins 20. Jahrhundert hinein geschmuggelt wurde, halbe Küstendörfer lebten von der illegal verkauften Ware, erst recht in Krisenzeiten.

Glamouröser, wenn auch kaum weniger aufwendig, ist die Entstehungsgeschichte jenes Grand­hotels, das in einer lieblichen und großzügigen Südbucht errichtet wurde, und an dieser Stelle kommt jetzt der argentinische Exzentriker deutscher Abstammung ins Spiel, ein wohlhabender Kunstliebhaber namens Adán Diehl (1891-1953). Die internationale Boheme kannte sich aus Barcelona und aus Paris, man zirkulierte hier und parlierte da, und um 1925 wurde Mallorca zu einem beliebten Treffpunkt für die Wintermonate, Diehl war einer dieser Besucher. Cap Formentor gehörte der Familie des berühmten Dichters und Priesters Miquel Costa i Llobera (1854- 1922) aus Pollença, ein paar Bauern bewirtschafteten die Halbinsel, so gut es ging, denn es gab (und gibt) kein Süßwasser auf dem Cap, daher die spärliche Bebauung und geringe agrarische Nutzung. Als der Monseñor starb, waren seine Erben durchaus gewillt, dem weltläufigen Argentinier Land zu verkaufen, damit dieser sich einen Traum erfüllen konnte: ein Luxushotel für die sinnenfreudige Elite zu bauen, ein Hotel nur für die Winter- monate, denn es war die Zeit, als man den Winter an südlichen Gestaden verbrachte und den Sommer in den Bergen - nicht umgekehrt, wie heute.
Textauszug. Den gesamten Beitrag lesen Sie in mare No. 92.

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