Frauen und Kinder zuerst!

Die Besatzung der "Birkenhead" beweist Selbstlosigkeit im Untergang und begründet ein ungeschriebenes Universalgesetz der Seefahrt.
Dez 2003, No. 41

Weltkarte

Inhalt mare No. 41

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False Bay, Südafrika, am 26. Februar 1852 um zwei Uhr nachts. Die "Birkenhead" läuft auf Grund, und Kapitän Robert Salmond trifft die falsche Entscheidung: Volle Fahrt zurück! Kann er wissen, dass sein Schiff auf einer messerscharfen Felsspitze sitzt? Die Schaufelräder des britischen Dampfers, der Nachschub für den Kaffernkrieg und frische Truppen samt Angehörigen transportiert, schaufeln rückwärts, und wie ein Dosenöffner schlitzt das Riff den Schiffsboden auf. Wasser flutet die unteren Decks, und mehr als 100 Soldaten ersaufen in ihren Hängematten. Die "Birkenhead" sinkt.

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An Deck zerren halb nackte, aus dem Schlaf gerissene Matrosen und Soldaten an den Rettungsbooten, aber die klemmen fest. Rost, Dreck, Farbe, weiß der Teufel, warum sie sich nicht bewegen lassen. Sieben Boote hat die "Birkenhead", für mehr als 600 Menschen, das reicht sowieso nicht. Alles schreit durcheinander, es naht der Moment, da Angst in Panik umschlägt, in lähmende, tödliche Panik. Doch in diesem Augenblick tritt ein Mann vor und zieht seinen Säbel.

Autor Olaf Kanter

Olaf Kanter, Jahrgang 1962, ist Textchef im Politikressort von „Spiegel Online". weitere Infos

Major Alexander Seton bellt einen Befehl, der mühelos durch die Kakophonie der Verzweiflung dringt, weil er den Halt gibt, den sie alle suchen: Stillgestanden! Und alle stehen still. In Reih und Glied!, kommandiert Seton weiter, und seine Infanteristen und Schützen nehmen Haltung an. Dann die Order, die alle weiteren Anstrengungen auf ein Ziel konzentriert: Frauen und Kinder zuerst!

Kapitän Salmond und seiner Crew gelingt es, drei Boote klarzumachen. Nur wenige Minuten später sitzen 80 Menschen in Sicherheit. Schwer beladen sind die Boote, nur langsam kommen sie von dem sinkenden Schiff frei.

Da nimmt das Unheil an Fahrt auf. Die "Birkenhead", einer der ersten Navy-Raddampfer mit einem Eisenrumpf, bricht unter der Last des eingedrungenen Wassers auseinander. Der vordere Teil rauscht sofort in die Tiefe - und nimmt etwa 60 Mann, die an den Pumpen schuften, mit auf den Grund. Der Schornstein in der Schiffsmitte, an die zehn Meter hoch, kracht aufs Deck und erschlägt die Seeleute, die das nächste Boot klarieren wollen. Es ist nur noch eine Frage von Minuten bis zum Untergang.

Major Setons Urteilskraft steht vor der nächsten Prüfung. Alle sehnen sich nach dem erlösenden Kommando: Every man for himself! Doch der Offizier aus dem schottischen Aberdeenshire schaut auf die überladenen Rettungsboote, er blickt über die verbliebenen Männer auf dem Schiff - 400 sind es vielleicht noch - und lässt sie weiter in Formation stehen. Frauen und Kinder sind noch nicht weit genug weg, ohne Frage würden die restlichen Schiffbrüchigen versuchen, die Rettungsboote zu erreichen und womöglich zum Kentern bringen. Das sind die kühlen Gedanken des Alexander Seton in den letzten Minuten seines Lebens. Nur wenig später zieht es die wracke "Birkenhead" in die Tiefe.

Nur wenige Männer überleben. Ein paar retten sich in die Takelage, die nach dem Untergang knapp aus dem Wasser ragt. Sie werden am Tag darauf von dem britischen Schoner "Lioness" gerettet, der auch die drei Rettungsboote bergen kann. Einige Schiffbrüchige klammern sich an Wrackteile und landen an der zwei Meilen entfernten Küste Südafrikas. Die Bilanz der Katastrophe: Kapitän Robert Salmond, Major Alexander Seton, 67 Seeleute und 386 Soldaten kommen um, sie ertrinken oder werden von Haien gefressen. 184 Menschen kehren nach England zurück - und berichten von Setons selbstloser Tat.

Warum hat der Major so und nicht anders gehandelt? Und wieso befolgten die Männer auf der "Birkenhead" Befehle, die ihren eigenen Untergang bedeuteten? Für die britische Admiralität liegt die Antwort auf der Hand: Alexander Seton und seine Leute sind die Verkörperung soldatischer Tugenden: Haben sie nicht heldenhaft Standfestigkeit und ungebrochen Disziplin bewiesen? Remember the Birkenhead! wird künftig der Schlachtruf sein, wenn Generäle von ihren Armeen Kampf bis zur Selbstaufgabe verlangen. Bei den Soldaten heißen solche Himmelfahrtskommandos entsprechend Birkenhead Drill.

Nachkommende Generationen werden sogar idealisierte Versionen des Dramas präsentiert bekommen. Der Marinemaler Thomas Hemy etwa, im Jahr der Katastrophe geboren, steckt die Soldaten in elegante Paradeuniformen. Gelassen lauschen sie den Ausführungen ihres kerzengeraden Majors. Von Panik und gezückten Säbeln keine Spur. Nur die Frauen und Kinder an Steuerbord sehen ein wenig mitgenommen aus.

Ihr Wohl allein hatte Alexander Seton im Sinn, als er in Sekundenschnelle über Leben und Tod entschied, und deshalb verdient er einen glanzvollen Auftritt in den Geschichtsbüchern - nicht wegen seiner soldatischen Fähigkeiten. Seine exemplarische Disziplin, seine militärische Führungsstärke und sein außerordentlicher Mut haben ihn allerdings in die Lage versetzt, ein ethisches Prinzip hochzuhalten, das im Augenblick der Krise häufig als Erstes über Bord geht: Die Starken helfen den Schwachen.

Für die Seefahrt bedeutet die noble Tat des schottischen Majors den moralischen Präzedenzfall: Lange Zeit kündete das Kommando "Jeder für sich!" von der Aufgabe des sinkenden Schiffs. Seit dem Untergang der "Birkenhead" ordnet sich der Selbsterhaltungstrieb einem elementaren Gedanken unter: Die Zukunft ist nichts ohne unsere Frauen und Kinder.

1 Kommentar

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Gustav Bauer
Dienstag, 5. Oktober 2010 um 04:05

Funktionieren kann der so genannte Birkenhead Drill allerdings nur bei loyalen Befehlsempfängern oder auf freiwilliger Basis. Andernfalls blockieren die Zurückgewiesenen nämlich die Fluchtwege. So wurden auch auf der Titanic dort, wo diese Regel konsequent angewandt wurde, INSGESAMT weniger Menschen gerettet (die Offiziere handhabten dies unterschiedlich). Deshalb ist diese Regel auch nie ins Seerecht aufgenommen worden. Quintessenz: Sehr nobel, im Ernstfall aber kontraproduktiv.

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