Das Wahllokal

Der Koch im Marseiller Restaurant „L'Épuisette" gewährt dem Gast ein Mitbestimmungsrecht. Wer möchte, kann sich die Zutaten im Vivarium persönlich aussuchen.
Feb 2004, No. 42

Weltkarte

Heftinhalt mare No. 42

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Marseille, brütend vor Hitze, aber die Küstenstraße badet in kühlem Meereslicht. Die Fischer vom Vallon des Auffes, einem Dörfchen in einer Felsenbucht im Küstensaum der Stadt, haben wie jeden Morgen dem jungen Chefkoch des „Épuisette" das Beste vom Fang gebracht.

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In einer Plastikwanne, zwischen japsenden Felsenfischen, hockt der Drachenkopf. Er bläht sich auf, öffnet das Riesenmaul im Knautschgesicht, man meint ein Fauchen zu hören. Es hilft nichts, heute kommt er in die Bouillabaisse. Der Rascasse ist der König der suppigen Seele Marseilles, er kommt in die echte Bouillabaisse von Guillaume Sourrieu.

Das Traditionsgericht der Provence war einst ein Armeleuteessen aus unverkäuflichen Fischresten, die nach dem täglichen Markt zusammengekehrt wurden. Drachenköpfen etwa. Man hielt den Fisch für eine Ausgeburt des Teufels, hässlich wie er ist. Und heute? Für Sourrieu undenkbar, eine Bouillabaisse ohne Rascasse zu kochen, und ein Frevel, mit Langusten hochzustilisieren, was auf dem Boden der Marseiller Fischmärkte begann.

An der Spitze einer Landzunge, die sich ins offene Meer schiebt, liegt das „Épuisette", Marseilles jüngstes Sternerestaurant. Mit einem Ausblick von betörender Schönheit: der türkis glitzernde Golf, darüber das reine Azur des Himmels, die Gedanken lösen sich auf in blauer Unendlichkeit: Seine Majestät, das Mittelmeer.

In der Küche sieht man davon nichts. Sourrieu ist am liebsten in der Küche. „Ich liebe die Berge", sagt er. Er wischt sich den Schweiß ab, tritt aus der Küche in den Speisesaal. Warmer Seewind fächelt durch die geöffneten Fenster. Er geht durch das Restaurant, setzt sich ganz nach hinten und straft das Meer mit Nichtachtung. Einer, der viel lächelt und wenig spricht.

Wenn es ihm dann doch zu blau wird, hangelt er nach dem langen Kescher, der dem „Épuisette" den Namen gab, steigt die Stufen vom Speisesaal hinab in ein Felsgewölbe, eine Grotte, in die durch einen vergitterten Durchbruch in der Wand das Meer schwappt. Ein natürliches Vivarium, ein Krustentierkerker. „Bis zu drei Monate bleiben die Hummer und Langusten hier drin", sagt Sourrieu.

Dämmerlicht, ein Taschenkrebs flüchtet eine Leiter hinab, Wogen schmatzen gegen den Stein. Draußen vor dem Gitter lauern Fische auf Sourrieus Hummerfutter: Küchenreste von Seeteufeln und Rotbarben.

Die Gäste können in die Grotte hinabsteigen und wählen, was auf den Teller kommt. Die einstige Fischerhütte mit Lebendvorratskammer wurde 1940 - Marseille füllte sich gerade mit Flüchtlingen - zur Taverne. Fünf Tische gab es, Wein und Kartenspiel, Bouillabaisse und das Fischragout Bourride. Beides serviert man noch immer. Dazu Sourrieus Seeteufel mit Seeigelsauce, oft inspiriert von Orient und Nordafrika.

 

Marseiller Bouillabaisse

Zutaten (für sechs bis acht Personen)

3 kg Fisch (darunter Drachenkopf), 1 l Wasser, 0,5 l Weißwein, Pastis, 500 g Tomaten, 1 Zwiebel, 2 Möhren, 1 Porreestange, 1 Sellerieknolle, Thymian, Rosmarin, Lorbeer, Orangenschale, 10 Knoblauchzehen, Petersilie, Safran.

Zubereitung

Den Fisch ausnehmen, entschuppen, Gräten und Köpfe 5 Minuten garen, Gemüse hinzugeben und 5 Minuten sautieren. Dann Thymian, Rosmarin, Pastis, Lorbeer, Orangenschale, Knoblauch und Petersilie dazugeben, mit Wasser und Wein ablöschen und 45 Minuten köcheln lassen. Fischabfälle und Gewürze entfernen, durch ein Sieb gießen, das Gemüse pürieren, wieder zurück in den Fond, dann Fisch und Safran hineingeben und noch einmal 10 Minuten garen. Mit Rouille-Sauce  servieren.
Textauszug

L’Épuisette
Anse du Vallon des Auffes
Marseille, Frankreich
Tel. +33 04 91 52 17 82

www.l-epuisette.com
Täglich geöffnet außer samstagmittags, sonntagabends und montags.
 

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