Manche von ihnen scheinen drauf und dran, das Wasser endgültig zu verlassen. Aber dann tun sie es doch nicht. Andere haben sich eigentlich schon für das Land entschieden, aber dann kehren sie doch wieder zu den alten Gefilden zurück. Jedenfalls gibt es eine Reihe von Lebewesen, die verharren, wo Meer und Land sich treffen, an den Schnittstellen zwischen Wasser und Erde, vertraut mit beiden Sphären und doch zu keiner ganz gehörend. Wohl die interessantesten von ihnen sind Palmendieb und Schlammspringer.
Eigentlich ist der Schlammspringer ja ein Fisch. Er hat einen stromlinienförmigen Körper, breite Flossen, Kiemen. Aber so richtig ernst scheint er das Ganze nicht zu nehmen. Denn welcher Fisch turnt schon bei Ebbe die Bäume hoch? Kein anderer Fisch erledigt so viele seiner Lebensaktivitäten an Land: Fressen, Balzen und Revierverteidigung gehören dazu. Wie eine Nadel zwischen zwei Stoffstücken schlüpft er zwischen den grundverschiedenen Habitaten hin und her.
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Graziös ist ein Schlammspringer an Land nicht, aber flink. Wie auf Krücken hoppelt er mit seinen kräftigen Brustflossen über den Schlick und selbst senkrecht an Mangrovenwurzeln empor. Sein breites Maul lässt ihn dabei immer etwas empört wirken. Hoch auf seinem Kopf thronen zwei Glubschaugen. Der Schlammspringer kann sie unabhängig voneinander rotieren und sieht mit ihnen an Land sogar besser als unter Wasser.
Besonders munter werden Schlammspringer zur Paarungszeit. Taucht dann ein eierbeladenes Weibchen auf, versuchen sämtliche Männchen der Nachbarschaft, sie durch energisches Turnen in den eigenen Bau zu locken. Der australische Scartelaos histophorus etwa hat eigens dafür ein Manöver entwickelt, das sich am besten als „Schwanzstand-und-seitwärts-Plumps" beschreiben lässt. Dafür schnellt der Fisch hoch, bis er senkrecht auf seiner Schwanzflosse balanciert. Dann klatscht er seitlich in den Matsch. Biologen haben Scartelaos-Männchen beobachtet, die diese Choreografie 83 Mal hintereinander ausführten, um ein Weibchen zu betören.
Wer am überzeugendsten turnt, darf sich anschließend in seiner Höhle paaren. Später legt das Weibchen die befruchteten Eier in den schlammigen Wänden des Baus ab. Die unterirdische Behausung dient dem Schlammspringer auch als Zufluchtsort während seiner Zeiten im Wasser. Allerdings muss er seine Aufenthalte hier gründlich vorbereiten, denn das Brackwasser der Mangrovenwälder enthält nur wenig Sauerstoff. Will der Schlammspringer nicht ersticken, muss er deshalb beizeiten einen Vorrat anlegen. Er tut dies, indem er an der Oberfläche ein Maul voll Luft schnappt und damit in die Höhle schwimmt, wo er sie ausspuckt. Er wiederholt dies so oft, bis sich in der Tiefe eine Luftglocke bildet.
Sein breites Maul erweist sich auch in umgekehrter Richtung als praktisches Transportmittel. In gleichmäßigen Kügelchen trägt der Fisch den Schlamm von Höhlenneubauten nach draußen. Manche Arten statten ihren Unterwasserhort mit bis zu vier Ausgängen aus und sichern diese mit Mäuerchen und Türmchen. Der Periophthalmus argentilineatus, ebenfalls in Australien heimisch, hebt sogar eine Art Burggraben aus. Ob der Schlammspringer solche „Festungen" nutzt, um nach Landfeinden wie Reiher und Wasserschlange Ausschau zu halten?
Trotz seines Burgenbaus ist der Schlammspringer im Vergleich zu dem spektakulären Palmendieb allenfalls ein Sommerfrischler unter den Küstenbewohnern. Der Palmendieb, Birgus latro, zählt zu den Einsiedlerkrebsen, doch anders als seine Verwandtschaft hat er nicht nur das Meer weitgehend hinter sich gelassen, sondern auch die Sitte, sein Hinterteil in einem Schneckengehäuse zu verbergen. Statt dessen verstärkt er seine Hinterleibsdecke mit Kalk- und Chitineinlagerungen und krümmt sie zudem unter den gepanzerten Brustabschnitt. Damit muss der Palmendieb seine Größe auch nicht mehr auf die verfügbaren Gehäuse beschränken. Und so wächst und wächst er, bis die größten Exemplare eine Spannweite von rund einem Meter erreichen. Mit einem Gewicht von gut drei Kilogramm ist der Palmendieb damit der massigste Landkrebs der Welt und eines der größten wirbellosen Tiere überhaupt.
Gleich einer mutierten, gepanzerten Spinne krabbelt er - am liebsten nachts - über die Strände, der Leib auberginefarben bis flammend-orange, die Augen rot. Seine gewaltigen Scheren sind so stark, dass sie mühelos ein Baby davonzerren könnten. Es heißt, der Palmendieb sei in der Lage, Steine bis 28 Kilogramm zu stemmen.
Seinen schurkischen Namen allerdings trägt der Palmendieb zu Unrecht. Er verdankt ihn seiner Vorliebe für Feigen und Kokosnüsse, die neben Aas, den abgeworfenen Panzerteilen anderer Krebse und frisch geschlüpften Meeresschildkröten seine Hauptnahrung darstellen. Beim Aufspüren der Lieblingsspeise hilft ihm das außerordentliche Geruchsorgan auf seinen Antennen, das, wie der Biologe Marcus Stensmyr jüngst entdeckte, einen seltenen Fall von konvergenter Evolution darstellt. Die Natur hat den Krebs mit einer „Nase" ausgestattet, wie sie auch die Insekten an Land entwickelt haben.
Um an Kokosnüsse heranzukommen, klettert der Krebs gelegentlich bis in die Wipfel von Palmen. Während er sich dort oben gütlich tut, fallen ab und zu Früchte herab, die er - falls er sie später findet - ebenfalls verzehrt. Ihre Schalen sprengt er mit seinen mächtigen Scheren auf.
Der Palmendieb wird von den Inselbewohnern hoch geschätzt: Sein Fleisch gilt als so schmackhaft wie das eines Hummers, und die Portion ist ungleich üppiger. Auf vielen Inseln hat dies zu einem Besorgnis erregenden Populationsrückgang geführt. Angeblich lassen sich die Krebse besonders leicht fangen, wenn sie von einem Baum herabsteigen. Alles, was dazu nötig ist, ist ein Büschel Gras, das in einiger Höhe um den Palmenstamm gebunden wird. Kommt der Krebs dort an, glaubt er, bereits unten zu sein, und lässt sich fallen. Während er betäubt am Boden kauert, kann er bequem eingesammelt werden. In solchen Momenten wünscht sich der Palmendieb gewiss, er wäre im Meer geblieben.
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