Das Dilemma des Commandante

Michele Niosi ist Küstenwächter auf der Mittelmeerinsel Lampedusa und hat zwei unvereinbare Aufträge. Er soll Menschen aus Seenot retten und Europa vor illegalen Einwanderern schützen. In dieser Lage wird er zum Helden - und zum unfreiwilligen Helfer der Schlepper.
Apr 2005, No. 49

Weltkarte

Heftinhalt mare No. 49

LAMPEDUSA
Ein Mann rettet 20.000 Menschen

SEEMANNSMISSION
Die Seele des Hafens

HAVARIEKOMMISSAR
Koryphäe der Katastrophen
Hier bewerten
(21 Bewertungen)

Der Zwanzigtausend-Menschen-Retter hat keinen, der ihn feiert. Es ist Sonntag, milchblauer Glast hängt über dem Meer. An Land hat sich schon alle Milde verflüchtigt. Die Sonne führt den Empfangsplatz in seiner ganzen Leere vor. Er kneift die Augen zusammen und blickt zum Himmel. Der Insel ist eine schäbige Hafenmole als Austragungsort gerade recht, gleich wird man ihm im Namen des italienischen Staatspräsidenten Ciampi die goldene Medaille verleihen. 20000 Menschen hat der Mann gerettet. Hat er etwas falsch gemacht?

Commandante Michele Niosi, Chef der Küstenwache von Lampedusa, ist in Gedanken. Vor dem roten Teppich wartet er auf die Fanfaren. Minister aus Rom sind da, Bodyguards mit Ray-Ban-Brillen, schwarze Limousinen. Die Kollegen von der Küstenwache. Doch die zählen nicht. Das Volk fehlt. In der Fußgängerzone flattert ein Transparent: „Wir brauchen keine Medaille, wir brauchen ein Krankenhaus". Die letzten Schritte seines langen Weges hat er sich als Triumphmarsch vorgestellt.

Anzeige




Begonnen hat er in Messina, wo er als Sohn eines Schlachters geboren wurde, „meine Metzgerei, deine Zukunft". Er schaute seinen Vater an und sah sich in 40 Jahren: ein Gesicht, das die Farbe der Fleischauslage angenommen hatte. Michele kaufte sich Comics mit Kapitän Mickey, verkroch sich mit einer Taschenlampe unter die Bettdecke. Er entdeckte mit Kolumbus Amerika, schlug an der Seite von Lord Nelson am Cap Trafalgar Spanier und Franzosen in die Flucht. Eines hatten alle Reisen, wenn nicht zum Ziel, so doch am Ende: Wer aufs Meer fuhr, kehrte als Held zurück. Er schlich auf die Fähre nach San Giovanni, 60 Mal hin und zurück, dann brachten ihn die Carabinieri wieder zu seiner Mutter. Einziger Trost: Auch von Kolumbus hatte es geheißen, er habe sich Gott weiß wo herumgetrieben, bis sich herausstellte, es war Amerika.

Autor Dimitri Ladischensky

Dimitri Ladischensky, Jahrgang '72, mare-Redakteur, war bei einem Einsatz der Küstenwache vor Lampedusa so seekrank, dass die Flüchtlinge ihn stützen mussten, damit er nicht über Bord ging. Die andere Woche verbrachte er in Palermo, um in Gesprächen mit Überlebenden die dramatische Überfahrt vom 20. Oktober 2003 zu rekonstruieren. weitere Infos

Als er zwölf war, starb sein Vater, mit 17 trat er in die Marine ein, ging zur Küstenwache, Porto Empedocle, Chiacca, Mazara del Vallo, Agrigento, versuchte es hier, langweilte sich dort. Abgetriebene Surfer und Touristen mit Motorschaden - er erzählt es, als fühlte er sich vom Meer um seine Abenteuer betrogen.

Bis er 1997 zur Guardia Costiera nach Lampedusa versetzt wurde. 20 Quadratkilometer Kalkstein und Sand, 150 Seemeilen vor der libyschen Küste, ein südlicher Vorposten der Europäischen Union im Mittelmeer. Seit 2001 versuchen die clandestini, die Heimlichen, über diese Insel nach Europa zu gelangen. Seit Infrarotkameras Gibraltar überwachen und Tunesien die Boote am Ablegen hindert, verlaufen die Flüchtlingsströme von Afrika nach Europa über die libyschen Küstenstädte Zuwarah und Zlitan bei Tripolis. Im vergangenen Jahr wurden mehr als 10000 Menschen registriert, die versucht hatten, übers Meer nach Lampedusa zu kommen. Betraut mit der Sicherung der EU-Außengrenze ist neben anderen die Guardia Costiera. Ihr Auftrag: antiimmigrazione. Ihr zweiter ist, Menschen aus Seenot zu retten. Beides gerät vor Lampedusa in einen Konflikt. Wie es hier auch kaum anders möglich scheint. Afrika und Europa, Schwarz und Weiß, Hölle und Himmel, Tod oder Leben, Helden, Verbrecher - großes Kino.

Artikel 98 des Internationalen Seerechtsübereinkommens schreibt Hilfeleistungen vor, wenn sich ein Schiff in Seenot befindet. Das macht den Grenzer auf dem Meer zum verlässlichsten Erfüllungsgehilfen der Schlepper. Die sparen sich den Kapitän, Proviant und ein seetüchtiges Schiff. Die Küstenwache bringt die Kundschaft sicher nach Europa.

Lampedusa. Sonnensatte Buchten, weiße Strandsäume. Ein Meer, so blau, dass es nur vom Himmel herunter gelogen sein kann. Zwar werden die Flüchtlinge sofort nach der Ankunft hinter Mauern gesperrt, aber die Zeitungsmeldungen von angeschwemmten Leichen, von Hungergestalten in der Fußgängerzone vergraulen die Touristen. Schon das Auffanglager stört das Geschäft.

Wieso werden die Flüchtlingsboote nicht an der Grenze abgewiesen? Warum aus internationalen Gewässern abgeholt? Warum rettet nicht Libyen, nicht Malta, warum immer Lampedusa? So klagen die Hotel- und Restaurantbesitzer. „Was sollen wir Niosi feiern?", fragen sie.

Ein paar Schritte noch zur Medaille. Die Augen wandern unsicher umher. Die Auszeichnung bekommt er „für die Solidarität mit den Flüchtlingen", 20000 Gerettete in den Jahren 2001 bis 2003. Mehr Glanz als Glorie, stänkert die Insel. Mit der Heldenkür begegne der Staat seinem Dilemma an den Landesgrenzen. Auszeichnungen sollen für Klarheit sorgen, wo gut und schlecht verschwimmen. Die Küstenwache habe 20000 Menschen zu festem Boden, aber auch zur Einwanderung verholfen. Hat er etwas falsch gemacht?

„Nun kann mein Leben losgehen", dachte sie. Sie wollte die letzten Meter nur noch geschehen lassen, wie ein Radfahrer, der rollend die Linie passiert. „24 Stunden bis Italien", sagte der Mann, als der Kahn in die Brandung glitt. Es war sternenklar und warm, der 3. Oktober 2003. Vorbei die Monate in den Baracken bei Tripolis, zu viert in einer Küche, warten auf den Mann, dem sie Ohrringe, Goldkette, Armband, ihre Hochzeitsgeschenke gegeben hatte. Was sind da noch 24 Stunden?

Das halbe Jahr durch Schlamm und Wüste zählte. An der Grenze zu Äthiopien - „in Somalia habt ihr eh keine Regierung" - zerrissen sie ihren Pass. Sie nahm den Bus, kam nicht weit, Polizei, Passkontrolle; sie versuchte es nicht mit einer Erklärung, hätte man ihr geglaubt? Nach drei Tagen Haft der nächste Bus, wieder Polizei. Sie ließ ihren Koffer stehen, ging zu Fuß. Neun Tage, 240 Kilometer. Trank Pfützenwasser, bettelte. Wartete an einer großen Straße. „Wo geht ihr hin?" - „Nach Libyen." 100 Leute, immer den Strommasten entlang. Erst durch Wüste, dann durch Regen, der Staub wurde Schlamm, jeder Schritt zäh. Bis sie den Boden unter den Füßen verlor. Ein Mann kam helfen, ein zweiter, beide blieben stecken. „Warum musstet ihr auch eine Frau mitnehmen?" Im Sudan, in der Stadt Sawouni, konnte sie sich endlich waschen. Ihr Rock, gefleckt von Blut. Von der Regel alles geschwollen. Auf der Toilette schrie sie vor Schmerz. Sie gingen weiter, wieder Polizei, 14 sagten: „Wir kehren um." Sie sagte: „Wie könnt ihr? Ihr nehmt den anderen die Hoffnung, dass man es schaffen kann."

All die Jahre, die sie selbst nicht daran glaubte. Jenes Papier, das man später in ihrer Hand fand - das Einzige, was sie überhaupt noch bei sich hatte, sie war nackt -, war ein Dokument eines islamischen Geistlichen, das einer gewissen Fatima Abdirahman Ishap, 34, aus Bejdawa bei Mogadischu, Somalia, das Recht der Scharia einräumte, „ihre Ehe aufzulösen, weil ihr Mann seit 1996 außer Hauses weilt und seinen ökonomischen Verpflichtungen nicht nachkommt". Der Freibrief. „24 Stunden, Ruder gerade halten, Kurs Nordnordost, Essen und Trinken lasst hier, drüben ist für euch gesorgt." Noch etwas, von dem sie nicht glaubte, sie würde es schaffen: der Abschied von Ismael, 16, Abschira, 12. Sie ließ ihre Kinder bei der Schwester in Eritrea.

Am 11. August 2004, um 12.30 Uhr, bekommt Commandante Niosi Meldung von der Luftüberwachung: Ein Boot treibt 40 Seemeilen vor Lampedusa, 150 Leute, offenbar keine Toten oder Verletzte. Er macht sich mit sechs Mann im Einsatzboot 878 auf den Weg, „alles Routine, schon hundert Mal erlebt". Lässig schlägt er die Beine übereinander, Arm über die Fahrerlehne des Steuermanns, verspiegelte Sonnenbrille, unerschütterliche Frisur, weiße Uniform, weiße Lederschuhe.

Sein Kiefer beginnt bereits die Linie zu verlieren, aber noch können Damenblicke sein Gesicht versteinern. Niosi ist ein kleiner Mann. Bevorzugt richtet er sich weit vom Betrachter am anderen Ende seines Arbeitszimmers auf, um zu wirken. Besucher zwingt er in die Perspektive einer Flachcouch.

„Regel Nummer eins: die Nerven nicht verlieren. Der Profi hat kaltes Blut. Wissen Sie, wie ich vergangenes Jahr im Krankenhaus erschienen bin? ,Guten Tag, ich habe einen Herzinfarkt.'" Er lächelt. Er erlebt keine Abenteuer mehr. Sonst wäre er als Retter auch nicht glaubwürdig. Aber seine Selbstlosigkeit bringt ihn immer wieder in Gefahr. „Wir springen ohne Aids-Handschuhe rüber." Afrika und Europa, die Guten und die Schlechten. Er möchte es einem einfach machen, ihn gut zu finden.

Wie sein Vorbild, Luigi Datillo, Küstenwächter auf Lampedusa, der sich am 9. Mai 1913 in einem Ruderboot in Wind und Wellen stürzte und ihnen ein Leben entriss. Dafür bekam er die silberne Medaille. Sein Porträt hängt vor Michele Niosis Büro.

Die Küstenwache als Erfüllungsgehilfe der Schlepper? Wenn sich Niosi einer unangenehmen Frage gegenübersieht, vergeht die Zeit eines kontrollierten Satzaufbaus, ehe er antwortet. Stumm bewegt er die Lippen. Er probt. Womöglich ist es die mentale Vorbereitung seiner Ehrenrettung. „Mich kann man nicht für das politische Problem verantwortlich machen, nur für operative Schwierigkeiten der Flüchtlingsbergung - und die gibt es nicht."

Das Opfer passt in sein Kino. „Der Grenzbrecher ist wie jemand, der auf einem Stromkabel sitzt, und ich muss ihn runterholen und riskiere dabei draufzugehen." Ein Foto in der Hafenkommandantur zeigt ihn mit Mundschutz auf der Kaimauer, am goldenen Siegelring zu erkennen. Gerade wird eine Frau mit fiebriger Stirn von Bord eines Flüchtlingsschiffs ihm zu Füßen auf den Kai geschoben. Alles bückt und streckt sich. Nur er steht da und schaut in die Kamera.

Fotograf Francesco Zizola

Francesco Zizola, Jahrgang 1962, Fotograf in Rom und Gewinner des World Press Photo Award, dokumentiert seit vielen Jahren das Schicksal von Bürgerkriegsopfern im Sudan und in Angola. Mit diesem Projekt konnte er ihre Flucht nach Europa weiter verfolgen. weitere Infos

Aufgehalten hat er bisher noch keinen. „Grenzen sind etwas Bürokratisches. Wenn Menschen Hunger haben, versuchen sie sie zu überwinden. Was auch immer sie antreibt - von 100 Gründen kann ich 98 sogar verstehen -, wir müssen helfen. Ob die nun ihr Benzin wegschütten, ihren Motor zertrümmern. Allein, dass sie sich in Schrottkähnen ohne Kapitän und Kompass aufs Meer gewagt haben, reicht. Mir ist noch kein Boot begegnet, das ich guten Gewissens hätte zurückschicken können."

Die meisten Flüchtlinge schaffen es ohnehin nicht in die Nähe der illegalen Einwanderung. Sie dümpeln in internationalen Gewässern. „Wenn wir sie nicht retten, tut's keiner. Ich habe in all den Jahren die libysche Küstenwache nicht gesehen."

Es gibt für ihn nicht nur Paragraphen. „Sie wissen, dass sechs Millionen Italiener selbst einmal Auswanderer waren? Sie kennen Massimo Valerio, ,Der Tyrann'? In jedem Sizilianer fließt auch arabisches Blut. Wenn Minister Bossi mit Kanonen schießen will: Bitte, soll er doch."

Er ist wieder bei seinen Büchern. Wenn man Niosi fragt, antworten häufig Conrad oder Coelho. Oder er macht durch, was andere auf der Leinwand vorgelebt haben. Held sein zwischen Lebensrettung und Einwanderungshilfe. Wer auf schmalem Grat geht, braucht fremde Fußstapfen, um nicht danebenzutreten. Er mag „Das Boot". Der Alte auf dem Ausguck, ein britisches Schiff in Flammen, der finale Torpedo unterwegs, und plötzlich entdeckt er, dass darauf noch Menschen sind. „In diesem Moment waren das keine Feinde mehr, sondern nur noch Seeleute in Not. Auf dem Meer muss man zusammenhalten. Da muss man - nennt man mich jetzt Philanthrop oder nicht - solidarisch sein. Wie sagt Joseph Conrad doch so schön? ,Der Mensch ist kein Fisch.'" Vor allem nicht der Commandante. Er liest. Er denkt. Er fühlt. Er rettet und er verteidigt: die Menschlichkeit. Und sein Land? „Sie kommen ohne Waffen, wissen, dass unsere Regierung sie mit offenen Armen empfängt. Vor was sollte ich schützen?"

Er könnte, wenn sie mit Gewalt eindringen wollten. „Was in der Zwölf-Meilen-Zone passiert, unterliegt meiner Kontrolle." Entschlossen schiebt er den Unterkiefer vor. Hat die Finanza nicht heute Morgen ein Schiff mit 50 Leuten in den Hafen geschleppt? „Davon weiß ich nichts", antwortet er knapp. Auch nicht, dass heute früh um fünf ein Flüchtlingsboot unbehelligt den Hafen von Lampedusa erreichen konnte. Er blickt wie ein Junge, den man beim Schwindeln erwischt hat. Er wehrt mit den Händen ab. „Lampedusa ist das Long Island des 21. Jahrhunderts. So wie einst die Einwanderung nach Amerika ist auch der Ansturm auf Europa nicht zu bremsen. Man kann ja auch den Wind nicht aufhalten." Er atmet durch, als habe ihm sein Schutzengel die Worte eingegeben.

Es folgen Ausführungen über die Aufgabenverteilung, acht Stunden Patrouille die einen, acht die anderen, die Zentrale in Agrigento koordiniert. Aber anderentags wird die Küstenwache 30 Seemeilen für einen Rettungseinsatz auslaufen, nur um zuzusehen, wie die Finanza ihnen die Arbeit, fast klingt es so: wegnimmt. Nichts bringt die Küstenwächter so auf wie Medaillen für die Konkurrenz. „Der Zoll bekommt das Lob, wir den Ärger", vertraut sich ein Küstenwächter an.

Womit wir beim eigentlichen Kampf wären: Menschlichster Retter wollen beide sein, auch auf Kosten der Flüchtlinge. Der Zoll fühlt sich von Niosi über Notfälle auf See nicht informiert; umgekehrt schimpft man über „nicht abgesprochene Aktionen". Mal belauern sich beide Rivalen in einer gemeinsamen Patrouille, dann wieder ist gar keiner draußen. Helden von Opfers Gnaden. „Ich sollte mich bei den Flüchtlingen bedanken. So bekommen meine Mitarbeiter ein Supertraining. Ohne sie wären wir nur halb so gut."

Im Sommer 2005 wird sich zeigen, ob Berlusconis Vereinbarungen mit Ghaddafi, ob die nach Libyen gelieferten Hubschrauber und Nachtsichtgeräte die Flüchtlinge aufhalten. Oder ob die Schlepper mit GPS und Schnellbooten aufrüsten und Niosi ihnen entgegentreten darf - als Grenzer und ganzer Held der Insel.

„Da vorne, das Flüchtlingsschiff. Jetzt aufgepasst!"
Ein blau-weißes Holzboot, 20 Meter lang, 85 Passagiere, die meisten Somalier, vier Kinder, 17 Frauen und zwei mit Namen Fatima. Fatima Ali aus Mogadischu, 18 Jahre alt. Ihr Bruder und ihr Vater sind von Rebellen erschossen worden. Ihre Mutter brachte sie zu einer Freundin nach Kairo. Dort ging sie drei Jahre auf eine Koranschule. 2003 verkaufte die Freundin ihre Wohnung, um für beide die 1000 Dollar für die Überfahrt nach Europa zu zahlen. Was Fatima wollte, hatte bisher keiner gefragt.

Die verlassene Tochter setzte sich neben Fatima Abdirahman. In deren Augen glomm fernes Licht. Was wohl Abschira gerade machte? Sie hatte ihre Tochter auch nicht gefragt, als sie ging. Was hätte die sagen sollen? Schön, Mama?

Das Meer war ruhig, sie saßen am Heck. Die ältere Fatima fragte, und die jüngere erzählte: von Filmen mit Julia Roberts - nicht viel schlechter stellte sie sich Europa vor. Schauspielerin möchte sie gerne werden. Wenn das als Muslimin nicht geht, bei McDonald's arbeiten. Fatima Abdirahman möchte einfach nur Geld verdienen, ihr erstes eigenes, und nach Hause schicken für zwei Flugtickets.

Am zweiten Tag kam Wind auf. Das Boot schlug hin und her. Gischt spritzte. Der Motor begann zu stottern, zum Glück gab es ja einen Mechaniker, der für die Überfahrt nichts zahlen musste, weil er für die Technik garantierte. Wo genau Italien lag, wusste niemand. Ein Flüchtling hatte sein Herz und das Steuer in die Hand genommen. Ein Stück Käse, dazu Matschbrot, aufgeweicht in Salzwasser - das letzte, was Fatima Abdirahman aß.

Am dritten Tag Wind und Wellen. Die nassen Sachen klebten auf der Haut. Sie froren. Die junge Fatima wand sich unter Brechkrämpfen, die ältere streichelte. Die Ersten hielt es nicht mehr, sie gingen auf und ab. Wo blieb das Land? Die Küstenwache? 85000 Dollar für morsche Planken - sie hatten an eine organisierte Reise geglaubt. Viele der 85 mussten sich das Geld als Maurer oder Straßenkehrer in Tripolis erst noch beschaffen. Denn: 300 Dollar für das Auto nach Äthiopien, 1100 Dollar für Grenzzölle und die Fahrt nach Tripolis - damit war die Investition einer Familie in ihren künftigen Ernährer meist schon ausgegeben. Noch Monate konnten im geheimen Barackenlager vergehen, bis die Schlepper genug zahlende Passagiere für ein Schiff zusammenhatten. Dann ging es mit Kleinbussen an die Küste. Hinein in die Dunkelheit. „Ihr könnt die Insel nicht verfehlen, und wenn, findet euch die italienische Küstenwache."

Besser spät als früh. Die Flüchtlinge müssen in Seenot sein, um legal von der Küstenwache über die Grenze gebracht zu werden. Kein Wasser mehr an Bord, das Benzin fast aufgebraucht. Der Motor - mutwillig oder nicht - zerstört. Besser spät, auch aus Niosis Sicht: um nicht als Komplize in Verruf zu geraten. Die Rettung in letzter Sekunde ist unverdächtig. Keiner will es so weit kommen lassen, nichts ist abgesprochen, aber die Lebensgefahr macht es beiden einfacher. Retter ist Retter, Opfer ist Opfer. „Das war ein echter Seenotfall", betont die Küstenwache gerne nach jedem Einsatz.

Nachts sahen die Flüchtlinge Lichter am Horizont. Sie vermuteten richtig: Malta. Einige glaubten den Gerüchten, die maltesische Küstenwache tanke Flüchtlingsschiffe auf und zeige den Weg nach Italien. Die meisten nicht. Nach einer Woche Gefängnis sei man wieder in Libyen. Was nun? Zumindest sicher nach Libyen?

Sie drehten nach Westen ab. Hoffnung, aber auch Scham, als Gescheiterte heimzukehren. Als Stunden später der Motor ausging und der Mechaniker nie einer gewesen sein wollte, war Malta schon zu weit. Keiner schrie oder vergaß sich vor Angst. Über dem Schiff lag Stille. Furcht schnürte den Hals zu. Das Herz ging wie ein Schmiedehammer. Fatima Abdirahmans Kleider waren nass, sie hatte nichts zum Wechseln, nichts, um sich gegen die Kälte zu schützen. Sie schlief nicht. Überall Urin und Kot. Um sich zu entleeren, riss sie Stücke aus ihrem Rock und schmiss die Bündel über Bord.

Am Morgen des sechsten Tages die ersten Toten, sie hatten am Abend zuvor Salzwasser getrunken. Am siebten weitere sechs oder sieben Tote. Als der Gestank unerträglich wurde, entschied die Mehrheit gegen den Willen der Angehörigen. Seltsam, aber die Leichen jeden Morgen ins Meer zu werfen gab ihnen Kraft. Solange sie etwas taten, lebten sie. Sonst gab es nichts. Sie machten Fragerunden: „Ich möchte Nudeln essen, was du?"-„Ich Reis." Fatima Ali sagte: „Ich will meine Mutter neben mir haben. Gott, lass mich nicht sterben, ich will meine Mutter noch einmal sehen." Was wollte Fatima Abdirahman? Immer hatte sie es gewusst: die Scheidung, den Weg nach Äthiopien, in den Sudan, Tripolis, Europa, ein besseres Leben für sich und ihre Kinder. Was wollte sie noch? Leben? Warten auf den nächsten Tag, dann auf noch einen? Wofür? Ist das die Strafe für das Glück, das kommt? Hatte sie es weggeworfen, als sie ging?

Hunger nahm ihr die Entscheidung ab. Fatima Abdirahman begann heimlich an ihrem Parfüm zu schlecken, das sie unter dem Rock verborgen hielt, „Attar", aus Olivenöl. Als es leer war, hielt sie die Flasche an einem Faden ins Wasser, um Fische anzulocken, aber sie konnte sie nicht schnappen. Dann fiel ihr etwas Weiches vor die Füße. Ein kleiner Vogel, der es nach Afrika nicht geschafft hatte. Sie aß ihn. Er half ihr über die Nacht.

Und nach Europa. So schien es. Am 13. Oktober 2003, am zehnten Tag ihrer Reise, gegen 18 Uhr, sahen sie ein weißes Schiff am Horizont. Ein Schiff! Sie zogen ihre Kleider aus, zündeten den Haufen an; sie brüllten, schwenkten die Arme. Es kam näher. Manche wollen eine tunesische Flagge erkannt haben. Fatima sah drei Leute, die ihre Ellenbogen auf die Reling stützten und heruntergafften. Das Schiff fuhr weiter.

Wer sich davonmachte und warum, wird sich wohl nicht mehr klären lassen. Vielleicht waren es Schmuggler. Vielleicht machte der Kapitän Meldung, und die Küstenwache entdeckte ein anderes Boot. Vielleicht wollte er sich keinen Ärger einhandeln: Wer sagt ihm, dass er die Flüchtlinge auch wieder los wird, in Port Said, in Dschiddah? Die Guardia Costiera von Empedocle versperrte der „Cap Anamur" mit zwei Schiffen den Hafeneingang - da kennen die Küstenwachen häufig keine Retter, nur illegale Einwanderungshelfer. Womöglich muss er ihretwegen die Route ändern. Von seinem Reeder bekommt er dafür keine Medaille.

Vorher war alles ruhig, jetzt herrschte Leere. Still blieb es die ganze Zeit. Sie sahen in dem Kapitän keinen Mörder. Sie verfluchten ihn wie einen Autofahrer, der beim Trampen nicht hält. Das Leben verengte sich. Fatima Abdirahman nahm nicht wahr, dass Fatima Ali in die Bewusstlosigkeit kippte. Dass Menschen sich mit einem Sprung über Bord erlösten. Sah nicht auf, als ein Araber und ein Somalier mit einer Planke zu einem Punkt am Horizont schwimmen wollten. Nach wenigen Zügen konnte der Somalier nicht mehr, der Araber stieß ihn vom Brett. „Somalier, Somalier, helft mir!" Es drang nicht zu ihr vor. Sie wartete, dass es vorbei ist.

Commandante Niosi drosselt die Geschwindigkeit, um längsseits zu gehen. „Ob sie jetzt dieses Boot nehmen oder ein anderes, es wiederholt sich: Alle wollen vor vier Tagen von Palästina oder der Türkei aus losgefahren sein, damit sie nicht nach Libyen abgeschoben werden." Der Unterschied ist: Wann findet er sie? Diese hier haben frisch rasierte Wangen. Das Glück, schnell gerettet zu werden, hatte Fatima vor einem Jahr nicht. Auch für diesen Kutter kann es noch gefährlich werden. Er schlingert, überladen mit 200 Menschen, für manchen ist nur noch auf der Reling Platz.

Niosi fordert die Marine an - als Wellenbrecher für ein sicheres Umsteigen auf der abgewandten Seite. Erst nach Einbruch der Dunkelheit hat sich das Meer beruhigt, dass daran zu denken ist. Als es soweit ist, stürmen 200 Leute nach Backbord, jeder will der Erste sein. Das Boot wäre gekippt, wenn Niosi nicht alle niedergebrüllt hätte: „Rimanete seduti! Sit down!" Alle blicken wie vom Donner gerührt, Niosi ist selbst ein wenig erschrocken. Seine Halsschlagader pumpt. Bis vor kurzem hat er noch fünf Schachteln am Tag geraucht. „Manchmal denke ich", sagt Steuermann Calogero Fiannaca, „die Leute in Libyen abzuholen wäre weniger aufreibend für sie und für uns."

Commandante, was soll mit den Flüchtlingen geschehen?
Er grübelt ein Weilchen zweifelnd, dann hebt er die Brauen: „Paolo Coelho, ,Der Alchimist': ,Ein Mensch durchreist die ganze Welt auf der Suche nach dem, was ihm fehlt - und findet es zu Hause.' Die Flüchtlinge werden erkennen, dass es das Beste für sie ist zurückzukehren." Er lächelt aufdringlich, will entgegenkommen, will auch Grenzer sein. Im weiteren Sinne ist er das. Nichts hält die Leute besser von Europa ab, als es einmal gesehen zu haben.

Manche denken bei der Ankunft, sie sind gar nicht losgefahren. Im Hafen von Lampedusa liegen die Flüchtlingsboote, die Küstenwache und die Touristenyachten. Als Niosi einläuft, kommt es zu einer seltsamen Begegnung. Die Flüchtlinge, trotz aller Not adrett gekleidet, Hemd, Stoffhose. Gegenüber auf einem Partykutter schwenken sie zur Begrüßung - „Hey-hooh" - die Arme zum Hip-Hop-Rhyme, Fetzenleibchen, schrotkugelzersiebte Designerjeans und auf Gammel gemachte Boots - „die Ghettokinder in Mombasa", flüstert einer, „sehen so aus".

Spätestens bei Biagio Contes Flüchtlingszentrum in Palermo merken viele, dass sie dort angekommen sind, wo sie losgezogen waren: Baracken und Warten, wie in Libyen. Warten auf den Asylbescheid, auf einen Job. Lampedusa ist nur Durchgangslager, dann geht es für ein paar Monate nach Sizilien oder Kalabrien. Die klaren Fälle werden sofort abgeschoben, jene, die um Asyl ersuchen dürfen, kommen heraus und müssen warten. Eineinhalb Jahre können bis zur Entscheidung vergehen. Bis dahin dürfen sie nicht arbeiten, es gibt eine Einmalunterstützung von 765 Euro. Wer keinen der 2000 staatlichen Schlafplätze für Asylbewerber bekommt, muss sehen, wo er bleibt. Viele gehen zu Pater Biagio Conte, ins „Städtchen der Armut und Hoffnung". 400 Bootsflüchtlinge leben hier. Opfer ihrer Erwartungen. Das reiche Europa. Und nun sehen sie, dass ganz gewöhnliche Familien aus Palermo bei den Essensausgaben von Biagio Conte anstehen.

Der Franziskaner mit der grünen Ordenskutte und den programmatisch strahlenden Augen schwärmt ihnen auch noch von den Wonnen der Besitzlosigkeit vor. Conte ist ihren Weg umgekehrt gegangen. Ein reicher Industriellensohn, der sich auf Wanderschaft in die Armut begeben hat, Vorbilder: Jesus und Franz von Assisi. Ein Wohlstandsflüchtling, der, in Assisi angekommen, gleich weiter nach Afrika wollte. „Aber Gott sagte: Du kennst dich mit den Problemen in Palermo aus." Er besetzte eine leer stehende Kaserne und baute sie mit Spenden zu einer Bleibe für Obdachlose um. Hier warten die Flüchtlinge - und erhalten meist irgendwann den Bescheid, binnen 15 Tagen das Land zu verlassen. Doch niemand kontrolliert, ob und wohin sie gehen. Viele Reisen enden hier. Oder auf dem Meer.

Am 20. Oktober 2003 entdeckte der Kutter „Santa Anna" 53 Seemeilen südlich von Lampedusa ein treibendes Holzboot. Die Fischer näherten sich, warfen Brot nach den Leibern, nichts regte sich. Über Funk forderten sie die Küstenwache an. Um ein Uhr morgens erreichte Niosi den Hafen von Lampedusa, im Schlepp das Boot mit 27 Körpern. 17 Tage auf See. „Es war nicht einfach", sagt er, „die Lebenden von den Toten zu unterscheiden."

13 wurden mit Helikoptern in die reanimazione nach Palermo geflogen. Mohamed Abdel Razaki, der Frau und Kind dem Meer gab. Fatah, der seine Geschichte erzählen will, wenn er die Worte gefunden hat. Fatima Abdirahman, die Nackte mit der Scheidungsurkunde. Als sie durch die langsam sich hebenden Nebel der Bewusstlosigkeit weiße Gestalten wahrnahm, schloss sie erleichtert die Augen, ich bin im Paradies. BBC gab die Namen der Überlebenden durch, so wussten ihre Kinder, dass sie es geschafft hatte. 13 Namen. Eine Fatima Ali war nicht darunter.

Niosi ließ sie auf dem Schiff, die Toten haben Zeit bis morgen.
Commandante, gibt es ein Schicksal, das Sie besonders berührt hat?
„Es sind zu viele." Die Lebenden verschwinden, die Toten wird man nicht los. Den ertrunkenen Fischer, den er aufrecht stehend auf dem Grund fand - manchmal sucht er ihn in fremden Gesichtern. Den Jungen, der sich mit einem Kopfsprung den Schädel am Fels spaltete.

Und Fatima. Am Morgen kam Niosi zu dem Schiff mit 14 grünen Leichensäcken. Unter dem Sonnendach lag ein ganzes Knäuel aus Körpern. Alle verschrumpelt wie vertrocknete Äpfel, nur bei einer Gestalt, die zuunterst lag, glänzte Weißliches am Lid. Niosi setzte seine Brille auf, beugte sich vor. Es war mehr eine Ahnung. Er stieß seinen Kollegen an: „Die lebt noch." Der: „Unsinn", hob ihren Arm, ließ ihn wieder fallen. „Siehst du?" Da ging der Arm von selbst wieder hoch.
Seitdem weiß er, „der Zufall macht den Helden". Nicht Medaillen. Keine Inszenierung. Jedenfalls keine aus Hollywood. Heißt es nicht: Wie das Leben so spielt?

Hier bewerten
(21 Bewertungen)
* Pflichtfeld