Cabo Delgado, 12° Süd, 43° Ost, Indischer Ozean. Abgeschlagen vom Mutterschiff, hockt der junge Fähnrich zur See, G. L. Sullivan, mit seinen Kameraden in einer Pinasse. Die Glut der Sonne wechselt mit heftigen Regenfällen. Die knapp 20 Mann im Boot leben von aufgeweichten Keksen und Pökelfleisch. Man schreibt das Jahr 1850.
Knapp 200 Seemeilen nördlich schlürft Sultan Sayyid Said in seinem Palastgemach auf der Insel Sansibar Mokka, während ihm ein Sklave Luft zufächelt. Seit zehn Jahren residiert der Sultan von Oman auf der tropischen Insel vor dem Festland Ostafrikas. Von hier aus beherrscht er große Teile der Küste und damit den arabischen Handel mit den Sklaven. Endlos ziehen sich die Sklavenkarawanen vom Inneren Afrikas an die Küste, um von dort nach Sansibar und weiter bis nach Arabien oder Persien verschifft zu werden - und der Sultan verdient über Steuern bei jeden Sklavenverkauf mit. Sein Gegenspieler, Kapitän Atkins Hamerton, britischer Konsul auf Sansibar, sitzt nur wenige Gassen weiter bei einer Tasse Tee über seinen Berichten über die Schrecken der Sklaverei. Im britischen Kolonialreich ist die Sklaverei seit 1833 abgeschafft. Der Sklavenhandel der Araber, die seit Jahrhunderten Ostafrikas Küsten dominieren, läuft der neuen Ethik der Engländer zuwider. Der britische Konsul auf Sansibar hat Sayyid Said Zugeständnisse abgerungen: Das Hamerton-Abkommen von 1847 untersagt den Export von Sklaven aus dem Machtgebiet des Sultans nach Arabien und Asien. Leider hält sich kaum ein Araber an das Abkommen.
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Wenn nicht gerade die Windstille hilft: An einem ruhigen Märzmorgen rudern die Dhau-Jäger um Sullivan auf ein Sklavenschiff zu, das kraftlos in der Flaute dümpelt. An Bord trifft der Fähnrich auf eine „groteske Gruppe Neger", die vorgibt, schwer mit dem Stauen der Ladung beschäftigt zu sein; ohne jeden erkennbaren Grund zerren sie an Seilen und Segeln. Sklaven, offenbar, doch die Angst vor den Befreiern lässt sie schweigen: Weiße Männer essen schwarze Männer, das haben ihnen die Araber eingebläut. Ausgemergelte Gestalten in Ketten sind nirgends auszumachen.
„Wo sind die Papiere?", fragen die Engländer. Hilflosigkeit dann angesichts der auf Arabisch verfassten Frachtbriefe. Die können viel bedeuten: Handelt es sich um legalen Handel mit Elfenbein, Gold oder Getreide, bei dem heimlich Sklaven mitgeführt werden? Um legalen Sklavenhandel innerhalb des Machtbereichs des Sultans? Oder um die durch das Hamerton-Abkommen verbotene Ausfuhr von Sklaven nach Übersee? Nur dann dürfen die Briten eingreifen. „Wir konnten nichts tun", beschreibt Sullivan die absurde Situation, „wir hatten keinen Beweis." Am Ende verlassen sie das Schiff unter dem Gejohle der Araber.
Brav kreuzt die britische Besatzung weiter vor der Küste, bis endlich die nächste Dhau aufgebracht wird. Deren Besatzung zeigt sich erstaunlich kooperativ: Nördlich, vor der Küste von Pangani, läge ein Dreimaster mit Sklaven an Bord. Die Briten schlucken den Köder, steuern Richtung Pangani. Sullivan: „Einer von den vielen ‚Fliegenden Holländern', die wir nie fanden." Tatsächlich macht sich währenddessen ein echtes Sklavenschiff südlich von den irregeleiteten Engländern unentdeckt davon. So lernen die verhinderten Helden neben Monsunregen und Äquatorsonne, neben Typhus und Ruhr vor allem die Gewitztheit der Araber kennen.
„Dies ist wohl der einzige Platz auf der Welt, auf dem täglich 100 bis 300 Sklaven offen zur Schau gestellt werden", schreibt der Missionar und Afrikareisende David Livingstone. Die Händler „waren Tag für Tag damit beschäftigt, Zähne, Gang und Gliedmaßen der Sklaven zu untersuchen, so unbekümmert wie ein Pferdehändler in England". Am Nachmittag erscheinen die potenziellen Käufer auf dem Platz neben dem Basar von Stone Town. Sofort erwachen die Händler und führen ihre „Ware" vor, die erbärmlichsten Sklaven zuerst. Narben und Wunden in ihren Gesichtern, Ringe in Ohren und Nasen. Die Männer mit einem Stück Stoff um die Hüfte, die Frauen mit einem losen Tuch bekleidet. Die Preise variieren zwischen sieben Dollar für einen Jungen und 70 für die schönsten Frauen - in bunten Kleidern, mit schwarz geschminkten Augen, behängt mit schweren Armreifen. Sie werden von Interessenten aufs Intimste begutachtet.
Allein im Jahr 1859 registriert das Zollhaus auf Sansibar 19000 neue Sklaven, die meisten von ihnen aus der Region um den Malawisee. Zehn Jahre später sind es bereits 30000.
Auf der Jagd nach Menschen rücken die arabischen Sklavenhändler immer weiter in die Tiefen Afrikas vor. Sie sind die eigentlichen Entdecker, auf ihren Pfaden erreicht auch David Livingstone 1859 den Malawisee. Ihm entgegen bewegen sich die Karawanen der Sklaven in Richtung Küste. Ein düsterer Zug aneinander geketteter Menschen: die Männer wie Ochsen ans Joch gebunden, Frauen und Kinder mit Lederriemen gefesselt. Wer zu schwach zum Laufen ist, wird kurzerhand mit dem Speer umgebracht. Die Flucht riskiert niemand. Beladen mit Elfenbein, die offenen Wunden von Fliegen umschwirrt, marschieren die Eingeborenen durch fremdes Land, bis zu 1000 Meilen, aus dem „Herz der Finsternis" bis Bagamoyo: ein kleiner Küstenort, aber wichtigster Umschlagplatz für Sklaven. Gegenüber liegt Sansibar.
Ungeachtet des Einsatzes der britischen Dhau-Jäger floriert der Menschenhandel. 1856 stirbt Sultan Sayyid Said. Der neue Sultan, Majid bin Said, hält nichts von der Zusammenarbeit mit den Engländern. Er stellt sich auf die Seite der arabischen Händler. Verträge gelten ihm ohnehin wenig; Sklaverei ist ihm eine „natürliche Institution". Die Verwandtschaft des Sultans ist in den Handel verstrickt.
Selbst mit modernen Dampfbooten und Handlungsanweisungen, ja, ganzen Handbüchern für die Jagd auf Sklaventreiber ist dem Menschenhandel kaum beizukommen: Waghalsige Fluchten ans Ufer, die Wendigkeit der Dhaus, die manövrieren „wie eine Hexe", und nicht zuletzt die Verschlagenheit der Araber lassen die Verfolger meist ins Leere segeln. Gelingt ihnen schließlich das Aufbringen eines Schiffes, sehen sie sich mit gefälschten Frachtbriefen und Schiffspapieren konfrontiert, und auch der inzwischen vorhandene Übersetzer ist nicht immer hilfreich. Zwischen 1867 und 1869 werden gerade 2645 Sklaven befreit, nur sieben Prozent der Sklavenschiffe aufgebracht.
1873 schließt der Sklavenmarkt von Sansibar. Englische Missionare kaufen den Platz und errichten dort eine Kathedrale - Zeichen für ein neues Zeitalter. „Handel und Missionierung können niemals gefördert werden, bevor der Sklavenhandel tot ist", darin waren sich bereits die großen europäischen Entdecker einig.
Die koloniale Epoche in Ostafrika beginnt erst noch. Kapitän G. L. Sullivan veröffentlicht, zurück in London, 1873 seine Erinnerungen an die Dhau-Jagden. Von unterirdischen Depots an der Ostküste Sansibars verschiffen die Händler weiterhin Sklaven - bis ins 20. Jahrhundert.
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