Schwieriges Paradies

Das Cap de Creus, Spaniens östlichster Punkt, hat nichts als Wasser, Wind und Felsen. Reicht doch, meint ein Brite, der seit vielen Jahren in einer alten Polizeikaserne Fisch kocht.
Apr 2006, No. 55

Weltkarte

Heftinhalt mare No. 55

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Diese Hunde sehen selten ein Stück Fleisch. Immer nur Fisch. Schleppend tragen sie ihre alten Körper in den Windschatten des Hauses. Unbedingt in den Windschatten, denn dort, wo sie wohnen, fahren Orkane schon mal auf 220 Kilometer in der Stunde hoch. Am Cap de Creus trägt der Wind ihr Kläffen Hunderte Meter weit. Sonst nichts. So viel Nichts gibt es sonst nirgendwo an der Costa Brava, die als überlaufene Touristenküste verschrien ist.

Das Cap de Creus ist der östlichste Punkt Kataloniens, der östlichste Punkt Spaniens überhaupt, hier gibt sich das Mittelmeer raubeinig, und nur eine einzige Straße mäandert durch die Macchia bis hin zur Spitze des Kaps. Und da steht es: dieses Haus, so pockennarbig die Fassade, so zerschlissen das Mobiliar, als hätte es ein Filmteam hier vor Jahren vergessen. Welchen Plot hätten sie hier wohl gedreht? Jene alte Leier von einem Mann, der ans Ende der Welt reist, um alles zu vergessen?

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Die Korbstühle stehen verwaschen wie der katalanische Himmel im Winter. Doch die Hauswand wärmt den Rücken und dann: einfach nur sehen, staunen. Ohne einen Flügelschlag gleiten Möwen lautlos vorbei. Und hin und wieder schießt ein silberner Strahl Sonne auf das Meer.

Dann verstellt eine Gestalt die Sicht. José hat sich mit den leisen Schritten einer Katze genähert, breites Lächeln, Nase und Ohr gepierct, der Schädel halb geschoren. Mindestens drei Sprachen bietet er an, um aufs Höflichste die Bestellung entgegenzunehmen. Kellner José gehört zu jenen Menschen, die keine Chefs ertragen, die nicht in die Gesellschaft passen, sagt sein Chef. Auch der hatte vor 17 Jahren die kleine Straße genommen, hinauf zum Kap, hatte einst diese Silhouette gesehen, die Fata Morgana einer Trutzburg außerhalb der Zeit, so stolz und unnahbar. Fünf Jahre hat er gebraucht, um zu erfahren, warum er hier bleiben musste. Warum er nicht anders konnte, als die Trutzburg zu kaufen. Denn eines Tages kam seine Mutter angereist, den verlorenen Sohn zu besuchen. Ach Junge, soll sie zu ihm gesagt haben, das ist hier doch genau so wie im Nordwesten von Cornwall, dort, wo du als Kind die Sommer verbracht hast, dort, wo du stundenlang allein über die Felsen gelaufen bist.

Chris Little schmunzelt etwas verlegen, wenn er die Geschichte erzählt. Der knapp 40-jährige Brite ist lässig bis an die Haarspitzen, die Koteletten zu den Mundwinkeln gespitzt. Unter dem T-Shirt gespannte Muskeln und die Jacke aus gegerbtem Pferdeleder, als müsse er die Welt aus den Angeln heben. Jener rötliche Typ Brite, der sich seiner Sommersprossen ein bisschen geniert.

Chris Little ist promovierter Genetiker. Wie bitte? Ja, Doktor der Molekulargenetik ist er, aber eigentlich wollte er immer nur kochen. Bis vor kurzem stand er 15 Stunden am Tag in der Küche, doch da ihm bisher jede Freundin abhanden kam, denkt er sich jetzt die Menüs nur noch aus. Indische Gerichte sind seine große Leidenschaft. Und Fisch. 20 Tische gibt es, à vier Plätze, im Sommer sitzen die Gäste dicht an dicht. Im Winter ist es etwas luftig. „My paradise is a difficult one."


Sopa de marisc

Zutaten
150 Gramm Tintenfischringe, 250 Gramm Garnelen, 500 Gramm Herzmuscheln, 2 Karotten, 2 Bund Petersilie, 2 Kartoffeln, 2 Tomaten, 1 Teelöffel Austernsauce, 1 Bund Frühlingszwiebeln, Knoblauch.

Zubereitung
Die Zwiebeln anbraten, dann die übrigen Zutaten - bis auf die Meeresfrüchte - beimengen. Einen halben Liter Wasser und etwas gekörnte Hühnerbrühe dazugeben. Zehn Minuten köcheln lassen. Die Meeresfrüchte hineingeben, kurz aufkochen lassen. Sofort servieren.

Restaurant-Bar Cap de Creus
Cap de Creus, Costa Brava, Spanien.
Telefon: +34972199005. Täglich von
11 Uhr bis Mitternacht geöffnet.

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